Literarisches
Stand Q2 2026
Werk in Arbeit

Regers
Neffe.

Roman in Fragmenten
Arbeitsstand
Q2 2026
Hertenstein AG · Schweiz
Der Autor Alain Benz
Buchleseprobe
Teil Eins
Der Roman.
I
Regers Neffe I · Der Roman
Werk in Arbeit

Regers Neffe.

Regers Neffe ist ein Romanprojekt in Fragmenten über Sepsis, Amputation, Diagnosemacht, Reha, Autorschaft und die komische Zumutung, nach dem eigenen Zusammenbruch weiterzudenken.

Dr. Alain Benz im Reha-Lift, 2025. Foto: Tim Xaver Fischer.
Im Reha-Lift, 2025 Foto: Tim Xaver Fischer
Ich war, Reger, in jenem Moment des langsamen Erwachens, eine Trümmerfrau meiner selbst, und die Selbstbenennung als Trümmerfrau ist die einzige, die meine damalige Lage trifft. Aus dem Philosophie-Fragment

Das Werk hat seine Form gewechselt. Was als geschlossener Roman an einem einzigen Tag konzipiert war, ist zu Regers Neffe geworden — einem Roman in Fragmenten. Jedes Fragment ein Monolog des Erzählers an seinen imaginären, älteren, langjährigen, abgelehnten und zugleich vergötterten Freund Reger: einen Kunstkritiker, der alles kritisiert. Auf jedes Fragment folgt eine Reaktion, ebenfalls vom Erzähler imaginiert, ebenfalls einer fiktiven Person in den Mund gelegt: Marchel Ritch-Ranitski, einem Literaturkritiker, der jeden kritisiert, der das Fragment liest, zerlegt, verwirft und gelegentlich, mit jener schmalen, kostbaren Heiterkeit der Fernsehkritik, anerkennt. Diese Doppelform ist keine Verlegenheitslösung. Sie ist die literarische Anerkennung dessen, was der Erzähler seine schiffsweite Systemdiagnose nennt: das eigene Leben nach der Sepsis lässt sich nicht mehr als Ganzes, sondern nur noch in einzelnen Sektionen prüfen — und keine Diagnose, weder die des Erzählers an den einen noch die des anderen an den Erzähler, wird je alle erfassen.

Auch beim Erzähler handelt es sich um eine fiktive Figur. Zu aberwitzig, absurd und grotesk wirkend wäre jeder Realitäts- und Biografiebezug zu einem existierenden Menschen, das Narrativ naturgemäss ein übertrieben konstruiertes: ein 45-jähriger Doktor der Ökonomie, der einmal Biologielaborant war und mit Bakterien gearbeitet hat und der seit gefühlt einer Lebensewigkeit Geschäftsmodelle für ein längeres und selbstbestimmtes Leben zu Hause für ältere oder körperlich beeinträchtigte Menschen entwickelt haben soll, wird eines Abends auf dem heimischen Sofa sitzend von Bakterien — Pneumokokken — befallen, die zu einer höchst lebensbedrohlichen Sepsis führen. Die Folgen sind fatal. Körperlich zerstört, aber restverbleibend einigermassen wiederhergestellt, fehlen ihm für alle Zeiten Hände und Füsse, die ihm, damit er überleben darf, amputiert werden mussten und die nun durch Prothesen ersetzt wurden. Er wird, auf Hilfe und Betreuung angewiesen, zum Kunden seiner selbst entwickelten Geschäftsmodelle und zum ersten Opfer seiner eigenen Technologiegläubigkeit.

Was er Reger zuträgt, sind keine geordneten Erinnerungen, sondern Diagnose-Versuche. Mit Bernhards Tonart, mit Kafkas Reihenfolgefrage, mit Hararis Gossip-Theorie, mit Adam Smiths unsichtbarer Hand in einer zweiten Schicht, mit der Schiffsdiagnose-Methode aus Star Trek, mit Gul Dukat als verbindender Figur des moralischen Zwischen — der Erzähler greift zu jedem Werkzeug, das die Lage erlaubt, und hält die Spannung zwischen Antikonstruktivismus und fiktional-pragmatischer Methode aus, ohne sie aufzulösen.

Der Erzähler hat ein spezifisches, aber für ihn durch die hohe Komplexität begründetes, gänzlich unlösbares Problem: sein seit dem Aufwachen aus dem Koma immer stärker gefühltes Verlangen, ein weiteres, und dieses Mal ein literarisches, Buch zu schreiben. Er referiert, er doziert, er legitimiert sein Versagen, dieses Buch nicht einmal begonnen zu haben, damit, er könne ja gar kein Buch schreiben, weil ein Vierfach-Amputierter ja keine Hände habe — wenngleich diese Begründung, der Freund bemerkt es sofort und der Kritiker erst recht, eine offensichtlich vorgeschobene ist.

Es ergibt sich daraus, das sei vorweggenommen, eine etwas eigenwillige Wohnsituation. Beide Kritiker sind tot, aber das ändert wenig. In der Hertensteiner Wohnung des Erzählers, mit einer kleinen Bibliothek, die mehrere hundert Bücher umfasst, geistern sie Tag und Nacht umher, ohne sich, soweit der Erzähler es übersieht, je begegnet zu sein. Der Kunstkritiker als imaginierter Besucher, der nicht geht. Der Literaturkritiker als posthume Stimme, die nicht zu schweigen vermag. Der Erzähler schickt dem einen seine Fragmente und empfängt vom anderen ihre Zerlegung — mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der man Tote in den Räumen ihrer Beschwörer Platz nehmen lässt, die in ihren Manuskripten für sie freigehalten wurden. Er wohnt nicht allein. Er wohnt mit zwei nicht ganz ortsanwesenden Toten und einem nicht ganz ortsabwesenden Bernhard, der seit 1989 zwar nicht mehr schreibt, aber, in der Hertensteiner Akustik, gelegentlich mitredet.

Gattung
Roman in Fragmenten
Stand
im Werden
Werktitel
Regers Neffe
Erscheinen
offen
Verlag
noch keiner. Der Autor sieht sich bei Suhrkamp. Hat jemand Kontakte?
Leseprobe · Aus der Philosophie

Und damit, Reger, kam ich zu jenem antiken Philosophen, den Sie, beziehungsweise Ihr Vater in seinem Werk, sträflich vernachlässigt hat, und den ich Ihnen hier mit besonderer Energie vortragen muss, weil er die antike Figur ist, die meiner Lage als einziger entsprochen hat. Ich spreche von Epiktet.

Epiktet, Reger, kommt in den Werken Ihres Vaters, soweit ich mich aus dem Gedächtnis entsinne und soweit meine Sepsis-beschädigte Erinnerung trägt, nicht vor. Ihr Vater hat Sokrates erwähnt, hat Platon angedeutet, hat Aristoteles ironisiert, hat Marc Aurel beiläufig benannt. Aber Epiktet hat er übersehen. Und das, Reger, war ein Fehler, ein bildungsbürgerlicher Fehler, eine Schlampigkeit der hochkulturellen Tradition, die ich Ihnen hier vorhalten muss, weil die Schlampigkeit gerade jenen ausblendet, der für meine Lage der einzige Verbündete in der antiken Philosophie ist.

Epiktet, Reger, war Sklave. Epiktet war körperlich beeinträchtigt, sein Bein war zerstört, sei es durch eine Misshandlung des Herrn, sei es durch eine andere Verletzung, die antiken Quellen sind sich nicht ganz einig, aber dass Epiktet körperlich versehrt war, ist überliefert. Epiktet hat aus dieser Versehrtheit heraus seine stoische Philosophie entwickelt, die im Kern besagt, dass der Mensch zwischen dem unterscheiden muss, was in seiner Macht steht, und dem, was nicht in seiner Macht steht. In seiner Macht stehen die Urteile, die Begehrungen, die Ablehnungen. Nicht in seiner Macht stehen der Körper, der Besitz, das Ansehen, alle äußeren Dinge.

Das, Reger, ist die Philosophie für den Vierfach-Amputierten in der Rehaklinik. Die Hände sind weg, die Füße sind weg, die Nase ist weg, die Karriere ist weg, die Ehe ist weg, die Präsidentin hat mich gekündigt, das alles steht nicht in meiner Macht. Was in meiner Macht steht, ist die Haltung, die ich zu diesen Verlusten einnehme.

Epiktet hat mir, Reger, in jenen ersten Reha-Wochen, eine Stimme gegeben, die niemand sonst mir gegeben hat. Nicht Sokrates, nicht Platon, nicht Aristoteles, nicht Marc Aurel. Epiktet, der Sklave, der Versehrte, der Mann, der das Encheiridion geschrieben hat, jenes Handbüchlein, das die stoische Lebenslehre in wenigen Sätzen zusammenfasst und das für die Reha-Lage ideal ist, weil ein Reha-Patient kein Tolstoi-Roman lesen kann, wohl aber ein Handbüchlein, dessen einzelne Sentenzen er sich merken und durch den Tag tragen kann.

Und nun, Reger, kommt mein Vorwurf an Sie, beziehungsweise an Ihren Vater. Warum hat Ihr Vater Epiktet übersehen? Warum hat er die ganze antike Philosophie behandelt, mit Sokrates und Platon und den großen Namen, und ausgerechnet jenen vergessen, der für die Versehrten die einzige Adresse ist? Die Antwort, Reger, ist, dass Ihr Vater nicht versehrt war, jedenfalls nicht körperlich, und dass er die Philosophie der Versehrten nicht brauchte, weil seine eigene Lage die Philosophie der Privilegierten verlangte.

Ihr Vater konnte sich Platon leisten, weil er noch Hände hatte. Ein Vierfach-Amputierter kann sich Platon nicht leisten, der braucht Epiktet, und Epiktet ist nicht da, weil Ihr Vater ihn weggelassen hat. Die hochkulturelle Tradition, Reger, ist eine Tradition der Privilegierten, die jene systematisch übersieht, die in der Existenznot eine Stimme bräuchten.

— Aus dem Philosophie-Fragment —
Intermezzo · Im Werden

Wovon die Fragmente handeln.

Keine Reihenfolge des Berichts, keine Vollständigkeit, keine Hierarchie. Die Fragmente sind Tiefenbohrungen in einzelne Sektionen des Schiffes, das der Erzähler ist — jede für sich, alle nebeneinander, manche schon ausgeführt, andere in Arbeit, weitere noch ungeschrieben. Band I versammelt das, was im ersten Jahr nach der Sepsis entstanden ist.

Erstes Fragment
SRK-Bus.

Eine Fahrt zur Voruntersuchung am Vortag der Doppeloperation an Nase und rechtem Stumpf — und in dieser Fahrt: eine Statue, eine kurdisch-albanische Fahrerin, eine Zigarette. Ein einzelner Tag, der jede Beobachtung in den Schatten der morgigen Operation rückt.

Zweites Fragment
Operationsmorgen.

Drei Stunden Schlaf, ein Röntgen im Halbschlaf, eine bittere Korrektur des gestrigen Fragments — und ein koreanischer Professor, der über meinen Tibiaknochen spricht in einer Sprache von nationalsozialistischer Direktheit, wie ein Schreiner über das Brett.

Drittes Fragment
Philosophie.

Über die zweieinhalb Monate Universitätsspital, den Transfer in die Rehaklinik, das langsame Erwachen meines Geistes — und die unsichtbare Hand des Adam Smith, gegen die Sie, Reger, und Ihr Vater bisher nichts vorgebracht haben außer der bildungsbürgerlichen Verachtung gegenüber den Ökonomen.

Viertes Fragment
Koma.

Der zwölfminütige Herzstillstand, die Überlebensrate unter zwei Prozent, das Koma als Eigentum, das niemand mit mir teilen konnte — und die Erkenntnis, dass die Erinnerung die beste High-End-Anlage der Welt ist.

Fünftes Fragment
Reflexion.

Über die schiffsweite Systemdiagnose, die ich aus einer amerikanischen Science-Fiction-Serie übernommen habe — und über die Pointe, dass ein Antikonstruktivist in der Notlage zu fiktionalen Werkzeugen greift, ohne seine Grundhaltung zu verraten.

Sechstes Fragment
Gossip.

Über die Gossip-Theorie in der praktischen Umsetzung — wer sie kennt, wird verschont, wer sie nicht kennt, wird Opfer. Über die Bewegung vom Komapatienten am französischen Hof der Reha-Klinik zum Agent provocateur — und über die Verbindung der ersten sozialen Währung Klatsch zur unsichtbaren Hand bei Adam Smith, jetzt in einer neuen Schicht.

Siebtes Fragment
Langstreckensensoren.

Über die ausgefallenen Langstreckensensoren des Schiffes, das ich bin, das nach Silvester in einer fremden Galaxie weiterläuft — über die Funkdisziplin in der Tradition Karl Dönitz', die meine Frau als Funkstation ausführte, und über die vier Theorien, die die Mitarbeiterinnen einer Wohnbaugenossenschaft über meine Abwesenheit entwickelten, ohne auf die richtige Diagnose zu kommen.

Achtes Fragment
Pflegerin.

Eine Pflegerin im Garten, an einem Vormittag belästigt mit der Hararianer-Theorie in der praktischen Erklärung — Pigafetta-Beschreibung in der Voltaire-Situation, unter dem Zerge-Bild — bis ein Augenblick aufblitzt, in dem klar wird: das Fersen-Fragment ist noch zu schreiben.

Neuntes Fragment
Schadensreport.

Aus dem Captain's Log des Schiffes USS Benz, in der maschinellen Sprache des Schiffscomputers und der subjektiven des Captains. Mit der Sorge möglicher Kompromittierung durch Ferengi-Hobby-Ingenieure, romulanische Schattenoperationen und Gul Dukat — und der Schluss-Frage, ob nicht das Kriegstagebuch der Wehrmacht die passendere literarische Verortung gewesen wäre.

Zehntes Fragment
In Arbeit

Eine Sektion, die noch im Werden ist — Platz im Werk, kein Text auf Papier. Der Manuskript-Index hält die Stelle frei.

Elftes Fragment Leseprobe
Assessmentbericht.

Über den Assessmentbericht einer Beratungs-Firma vom 13. Oktober 2021, das Insights Discovery-Profil auf Position 133, die Fallarbeit zur Strategie einer Wohnbaugenossenschaft, in Reflexion der hundertjährigen Holodeck-Studierzeit — und der Wendepunkt der distanzierten Freundin, deren Schweigen die Schwebe zwischen schief und genau richtig produziert. Vollständig in dieser Webseite.

Zwölftes Fragment
Glück im Unglück.

Über die fünf Reanimations-Szenarien, die Hararische Sapiens-Nexus-Reflexion, mit Mr. Data, mit der Borg-Substanz, Locutus und Seven of Nine — in der Schluss-Wendung der gemeinsamen Obsoleszenz, mit oder ohne Hände.

Das Werk ist im Werden. Die Fragmentform ist die literarische Anerkennung der methodologischen Unvollständigkeit — keine Verlegenheit, sondern Position.

Teil Zwei
Die Leseprobe.
II
Regers Neffe II · Leseprobe
Fragment

Assessmentbericht.

Bohrkern

Fragment über den Assessmentbericht einer Beratungs-Firma vom 13. Oktober 2021, mit dem Insights Discovery-Profil auf Position 133, mit der Fallarbeit zur Strategie einer Wohnbaugenossenschaft, in der Reflexion der hundertjährigen Holodeck-Studierzeit im Koma, in der Anknüpfung an die Vater-Sohn-Diagnostik, mit der Selbst-Entlarvung der psychologisch-psychiatrischen Wiederinstandsetzungs-Crew, mit dem Wendepunkt der distanzierten Freundin, deren Reha-Besuch und deren Schweigen die Schwebe zwischen schief und genau richtig produzieren, und mit der Schluss-Reflexion in der Heiterkeit der intellektuellen Konversation. Ich habe das lange nicht so gesehen.

Sie werden sich erinnern, Reger, dass ich Ihnen in einem Fragment von der Vater-Sohn-Diagnose erzählt habe, von jener vollkommenen Falle, in der ein Vater einem Sohn die Krankheit attestiert und der Sohn nicht mehr unterscheiden kann, ob er krank ist, weil der Vater es sagt, oder ob der Vater es sagt, weil der Sohn es ist — einer Falle also, aus der es, wie ich Ihnen damals berichtet habe, keinen Weg gibt, weil Väter Söhnen, die sie einmal diagnostiziert haben, keine Wege offenlassen; das ist das Wesen der Vater-Sohn-Diagnose. Was ich Ihnen aber damals nicht erzählt habe, Reger, weil ich es selbst noch nicht durchschaut hatte, ist dies: Diese Diagnosefalle hat in meinem Leben nicht nur in der Person meines Vaters, meiner Frau und anderen operiert, sondern hat institutionelle Verkörperungen gehabt, hat sich in andere Personen hineinverlagert, die mit meinem Vater nichts zu tun haben und ihm doch, wenn man die Operation der Diagnose betrachtet und nicht die Person, die sie ausführt, strukturell aufs Haar gleichen. Und davon, Reger, von einer dieser Verkörperungen, will ich Ihnen jetzt erzählen, weil sie auf dem Holodeck war, weil ich sie hundert Jahre lang studieren konnte, weil sie, wenn ich es richtig sehe, der Schlüssel zu einer Schicht meines Lebens ist, die ich Ihnen bisher vorenthalten habe und Ihnen aus Gründen der eigenen Selbstachtung, die mit der Selbstverachtung in meinem Fall identisch ist, auch hätte vorenthalten wollen. Das wurde mir erst später klar.

Sie wissen, Reger, dass ich, als selbsternannter Captain meines Schiffs-Körpers während der Black Alert auf das Holodeck verlegt wurde und dass ich, im übertragenen Sinne, Commander Data den Befehl erteilt habe, meine kleine Bibliothek, die mehrere hundert Bücher umfasst, auf das Holodeck zu laden, in einer Schluss-Aufzählung, die Sie kennen, von Bernhard bis zur gebundenen Ausgabe des Silmarillion, einer Aufzählung jedoch, Reger, die nicht den vollständigen Bestand benannte, sondern jene Stücke, die dem Captain in der äußersten Bedrohung der unmittelbar bevorstehenden neuronalen Entkopplung zuerst einfielen, weshalb der Befehl an Commander Data lautete, alles in meinem Bewusstsein zu transferieren, ohne weitere Spezifikation, weil eine vollständige Aufzählung in der Black-Alert-Phase technisch nicht möglich gewesen wäre, und der Captain sich auf die positronische Vollständigkeits-Garantie seines Crew-Offiziers verlassen musste. Was Sie aber nicht wissen, Reger, was ich Ihnen erst jetzt sage, ist, dass auf dieses Holodeck nicht nur die kleine Bibliothek geladen wurde, sondern auch ein Konvolut aus Musik und Bildern, ein Stapel, ein institutionelles Dokumenten-Bündel, das in die Captain-Bibliothek eigentlich nicht gehört, das aber, weil es in der biografischen Substanz des Captains nicht entfernbar war, mit auf das Holodeck genommen werden musste, ob ich wollte oder nicht, und das ich, hundert Jahre lang, im französischen Hof mitunter neben Marie Antoinette und Gul Dukat sitzend oder am Kaiserhof in China anwesend, studiert habe, mit jener komatös induzierten Genauigkeit, die in der Wachzeit nicht erreichbar ist, und die mir, wenn ich ehrlich bin, Reger, in der Wachzeit auch, wahrscheinlich nicht möglich oder gar nicht zumutbar gewesen wäre. In jenem Moment habe ich nicht aufgeblickt.

Drei Dokumente, Reger, drei. Erstens ein Assessmentbericht einer Beratungs-Firma über meine Person, dreizehn Seiten lang, datiert auf den dreizehnten Oktober 2021, verfasst von einer Hauptassessorin, deren Namen ich hier nicht nennen werde und die ich im Folgenden die Assessorin nennen werde, weil ihre institutionelle Funktion die literarische Substanz dieses Fragments ist, und ihr Name eine biografische Tatsache, die ins Werk nicht gehört, dies in derselben Logik, mit der ich Ihnen die Pflegerinnen und Pfleger ohne Namen schildere, weil die Funktion die Substanz ist, und der Name eine biografische Beifügung. Zweitens ein Insights Discovery-Präferenz-Profil, zweiundzwanzig Seiten lang, ein paar Tage vor dem eigentlichen Assessment erstellt, mit einem farbcodierten Persönlichkeits-Rad, das mich, ich gebe es zu, Reger, in der ersten Holodeck-Lektüre noch erheitert hat und in der hundertsten so wenig erheiterte, dass ich ernsthaft erwogen habe, es Commander Data zur positronischen Vernichtung zu übergeben, was, wie sich zeigte, technisch nicht möglich ist, weil das Holodeck im abgesicherten Modus operiert und der archaische Protokoll-Modus die Vernichtung von Bibliotheks-Beständen nicht zulässt. Drittens eine Fallarbeit, achtzehn Seiten lang, plus eine Präsentation mit zweiunddreißig Folien, die ich selbst, Reger, am elften und zwölften Oktober 2021 verfasst habe, in der ich die Strategie einer Wohnbaugenossenschaft, in der ich Geschäftsführer werden wollte und auch wurde, gemäß der mir genannten Fallstudienarbeit weiterzuentwickeln habe und die heute, Reger, das ist mir auf dem Holodeck klar geworden, das eigentliche Beweisstück ist, an dem die Assessorin ihre Diagnose, wie auch offensichtlich der Vorstand dieser Wohnbaugenossenschaft, vor dem ich den Inhalt vortragen durfte, festgemacht hat.

Die Assessorin, Reger, die ich, seit ich sie kennengelernt habe, respektiere und die mich, so beurteile ich es zumindest, intellektuell respektiert und die, das muss ich gleich vorausschicken, weil es für das Verständnis dieses Fragments konstitutiv ist, später zu einer, so könnte man sagen, distanzierten Freundin geworden ist, und sie wusste es ja, hat in diesem Bericht eine Empfehlung zur Anstellung formuliert, mit Hinweis auf Entwicklungsfelder, die vor allem zu Beginn der Zusammenarbeit im Auge zu behalten, zu begleiten und mit Zielen zu versehen seien. Sie hat dabei, Reger, mit der Sorgfalt, mit der professionellen Genauigkeit, mit der einen Tag dauernden Beobachtung, die die Persönlichkeitsdiagnostik in dieser Form erfordert, Stärken benannt, die ich anerkenne, Entwicklungsfelder benannt, die mir teilweise bekannt waren und teilweise schmerzhaft präzise neu, und in einer Form, die, wenn man die professionelle Erfahrung der Assessorin und die wissenschaftliche Fundierung der eingesetzten Instrumente bedenkt, kaum zu beanstanden war. Es war, Reger, ein guter Bericht, ja ich sage es ungern, ein außergewöhnlich guter sogar. Es war, wenn man so will, der bestmögliche Bericht, den eine Hauptassessorin in der Schweizer Beratungsindustrie über einen damals einundvierzigjährigen Ökonomen mit Werdegang in der Privatimmobilienwirtschaft hätte schreiben können. Und genau darin, Reger, genau in dieser Bestmöglichkeit liegt das Problem, das ich Ihnen jetzt zumute.

Denn die Assessorin hat, ohne es zu wissen oder vielleicht, Reger, doch wissend, ich kann es bis heute nicht entscheiden, dieselbe Operation vollzogen, die mein Vater an mir vollzogen hat, als er, neulich erst, im neuen Bad unter dem Zerge, die Diagnose stellte, dass nur ein kranker Mensch im Gemälde Victoria Mortis etwas Erotisches finden könne. Sie hat die Diagnose nicht in einem Satz formuliert, weil die Persönlichkeitsdiagnostik in der Beratungsindustrie nicht in einem Satz operiert, sondern in dreizehn Seiten Bericht, zweiundzwanzig Seiten Insights-Profil, einem Insights Discovery-Rad mit zweiundsiebzig Typen, in dem ich auf Position 133 stand, klassifiziert als Kreativer Beobachtender Koordinator, klassisch, mit Blau auf 87 Prozent und Rot auf 45 Prozent. Aber die Diagnose, Reger, ist strukturell dieselbe, oder sehr ähnlich wie die meines Vaters. Sie spannt eine Falle auf, aus der es keinen Weg gibt, weil jede Reaktion sie bestätigt. Wenn ich die Entwicklungsfelder beseitige, habe ich die Diagnose anerkannt. Wenn ich die Entwicklungsfelder nicht beseitige, habe ich die Diagnose bestätigt. In beiden Fällen, Reger, hat die Assessorin recht.

Das ist, wenn ich es heute formulieren muss, das Wesen der Assessor-Kandidat-Diagnose überhaupt, einer Diagnose, die der Vater-Sohn-Diagnose strukturell entspricht und die in der Beratungsindustrie ihre institutionelle Verkörperung gefunden hat, mit Insights Discovery, mit dem LJI, mit Fact Finding und Postkorb HighLight, mit Vier-Augen-Prinzip und Persönlichkeits-Cluster und Wirkungsmodell, mit allen Apparaturen, mit denen die moderne Selektions-Praxis ihre Diagnosen unterfüttert. Und das, Reger, das müssen wir uns klar machen, bevor wir weitergehen, ist nicht zufällig so. Es ist nicht so, dass die Assessorin sich an meinem Vater orientiert hätte oder mein Vater an der Assessorin. Es ist so, weil die Diagnose-Operation eine Form hat, die in unterschiedlichen Verkörperungen wiederkehrt, weil die Diagnose den Diagnostiker erfordert und der Diagnostizierte, Reger, ob er will oder nicht, in eine Position gerät, in der er nicht mehr unterscheiden, nicht mehr entrinnen kann, ob er ist, was die Diagnose sagt, oder ob er es ist, weil die Diagnose es sagt.

Hundert Jahre, Reger, hatte ich Zeit, das auf dem Holodeck durchzudenken. Hundert Jahre, in denen die Wiederaufbau-Routinen meines Hauptcomputers den Bericht, das Insights-Profil und die Fallarbeit immer wieder neu in das Holodeck-Programm gespeist wurden, in immer neuen Konstellationen, einmal mit der Assessorin neben Marie Antoinette am Frühstückstisch in Versailles, einmal mit Insights Discovery-Rad als Wandteppich am chinesischen Hof in der Ming-Dynastie, einmal mit der Fallarbeit als Theateraufführung im Hofbühnenhaus, in der die Assessorin und die Co-Assessorin als Schwestern-Paar im klassischen Trauerspiel auftraten, und Gul Dukat dazwischen, der mir, in seiner cardassianischen Manier, halb beratend, halb höhnisch, immer wieder zuflüsterte, Captain, das, was Sie da lesen, ist nicht ein Bericht über Sie, sondern ein Bericht über die Beratungsindustrie, die Sie diagnostiziert hat, und der Unterschied, Captain, ist konstitutiv, aber nicht ganz offensichtlich. In dieser hundertjährigen Holodeck-Studierzeit im Koma, Reger, in der die kleine Bibliothek, die mehrere hundert Bücher umfasst, meine Bilder und Musik mir zur Verfügung standen, habe ich versucht, die Diagnosefalle der Assessorin zu rechtfertigen, zu beweisen und zu widerlegen, alle drei Operationen zugleich, weil keine der drei für sich allein ausreicht, um der Substanz der Diagnose gerecht zu werden. Das Scheitern war ein voraussehbares.

Was ich Ihnen, Reger, in diesem Fragment vorlege, ist das Ergebnis dieser hundert Jahre des Scheiterns. Es wird nicht eine bloße Auseinandersetzung mit dem Bericht sein, weil eine bloße Auseinandersetzung in der Diagnosefalle gefangen bleibt. Es wird auch nicht eine Verteidigung meiner Person sein, weil die Verteidigung die Diagnose anerkennt und damit bestätigt. Es wird, wenn ich es leisten kann, eine Operation an der Diagnose selbst sein, an ihrer Form, an ihrer Voraussetzung, an ihrer institutionellen Verkörperung in der Beratungsindustrie, in der die Persönlichkeitsdiagnostik die alten Vater-Funktionen übernommen hat und sie, Reger, das ist die literarische Pointe dieses Fragments, mit größerer Effizienz, größerer Gründlichkeit und größerer Ausweglosigkeit ausführt, als mein Vater es könnte. Und in diese Operation, Reger, hinein wird die Person der Assessorin treten, nicht als Gegnerin, weil sie keine ist, sondern als distanzierte Freundin, deren Reha-Besuch und deren anschließendes Schweigen mir, wenn ich es richtig sehe, mehr über meine Wiederinstandsetzung gesagt haben als alle Psychologen und Psychiater zusammen, die ich, in Ermangelung ihrer Anwesenheit, selbst entlarven musste.

Aber davon, Reger, später einmal.

Ich beginne, Reger, mit dem Insights-Profil, weil es das technisch reinste Stück der drei Dokumente ist, dasjenige, an dem die Diagnose-Operation ihre algorithmische Verkörperung am klarsten zeigen möchte, und weil ich nun sagen kann, dass dieses Profil mir mehr über die Beratungsindustrie verraten hat als über meine eigene Person, was, wenn man die professionelle Selbstdarstellung des Insights Discovery-Systems bedenkt, eine außerordentlich enttäuschende, aber, Reger, wenn man die intellektuelle Geschichte der Persönlichkeitsdiagnostik bedenkt, eine völlig erwartbare Erkenntnis ist.

Das Insights Discovery-Präferenz-Profil, Reger, basiert nach eigener Auskunft auf den Antworten eines Fragebogens, den ich im Oktober 2021 ausgefüllt habe, und stellt aus mehreren hunderttausend abgewandelten Aussagen, so die offizielle Selbstbeschreibung des Systems, einen individuellen Text zusammen, der mich, den Bewerber um die vakante Stelle, in seiner Persönlichkeits-Konfiguration ausweist. Es bezieht sich, Reger, das sollten Sie wissen, auf das Persönlichkeitsmodell des Schweizer Psychologen Carl Gustav Jung, das im Jahre 1921 in dem Werk Psychologische Typen erschienen ist, und in der Tradition der analytischen Tiefenpsychologie steht, einer Tradition, Reger, die ich seit Jahrzehnten verehre, weil sie, im Unterschied zur kognitivistisch-behavioristischen Reduktion, die Substanz der psychischen Lebensvorgänge ernst genommen hat, mit Archetypen, mit Schatten, mit Anima und Animus, mit kollektivem Unbewusstem, mit alchemistischen Bildersprachen, mit der ganzen reichhaltigen Symbol-Phänomenologie, die in den Gesammelten Werken in achtzehn Bänden vorliegt und in meiner kleinen Bibliothek, in der Ausgabe Walter Verlag aus den siebziger und achtziger Jahren, ein paar Bände in der olivgrünen Leinen-Bindung, andere in der späteren Taschenbuch-Form, repräsentiert war, die ich aber, hätte ich um deren späteren biografischen Bezug gewusst, nie hätte verkaufen dürfen, was ich aber getan habe.

Was die Beratungsindustrie, Reger, mit dieser Tradition gemacht hat, ist literarisch außerordentlich präzise zu beschreiben, wenn man sich nicht scheut, die Operation in voller Schärfe zu benennen. Sie hat sie reduziert. Sie hat aus dem komplexen, ambivalenten, in vielen Schichten operierenden Persönlichkeits-Modell der analytischen Tiefenpsychologie ein farbcodiertes Vier-Felder­Schema gemacht, mit Blau, Grün, Gelb, Rot, in dem die introvertiert-denkende Funktion zur Farbe Blau wird, die introvertiert-fühlende zur Farbe Grün, die extravertiert-fühlende zur Farbe Gelb, die extravertiert-denkende zur Farbe Rot, und in dem die zweiundsiebzig Typen des sogenannten Insights Discovery-Rades aus den Kombinationen dieser vier Farben mit Beobachter-, Reformer-, Initiator-, Motivator-, Inspirator-, Berater-, Unterstützer- und Koordinator-Klassifikationen erzeugt werden, in einer Art und Weise, Reger, die der Komplexität der jung'schen Typenlehre so wenig gerecht wird, dass Jung selbst, hätte er sie zur Kenntnis nehmen müssen, vermutlich, und ich sage das mit einer mir nicht zustehenden Sicherheit, an dem Tag, an dem er sie zur Kenntnis genommen hätte, seinen Nachlass verbrannt hätte, um die Fortschreibung dieses Verbrechens durch die Beratungsindustrie zu verhindern.

Position 133, Reger, klassifiziert als Kreativer Beobachtender Koordinator, klassisch. Das ist, was der Algorithmus am Ende eines im Oktober 2021 ausgefüllten Fragebogens über mich ausgegeben hat. Persona bewusst Blau auf 87 Prozent, Gelb auf 55 Prozent, Grün auf 48 Prozent, Rot auf 45 Prozent. Persona weniger bewusst Grün auf 55 Prozent, Rot auf 52 Prozent, Blau auf 45 Prozent, Gelb auf 13 Prozent. Präferenz-Energiefluss 41,9 Prozent. Bewusste Radpositionierung 133, weniger bewusste Radpositionierung 132. Gegenüberliegender Typus der Motivator, Jungs extravertierter intuitiver Typus, jener also, Reger, der in der jung'schen Tradition als Außenwelt-orientiert, intuitiv-spontan, ergebnisoffen, mit hoher öffentlicher Anerkennung beschrieben wird, der mir aber in der Insights Discovery-Übersetzung als jemand vorgeführt wird, der oft als zu optimistisch, schwer zu lenken, weniger geeignet für administrative Aufgaben, voreilig, indiskret, sich zu wenig abgrenzend, gefährdet, sich zu viel zuzumuten, materielle Statussymbole bevorzugend, Routine verabscheuend, Kontrolle ablehnend, ausweichend bei Widerstand, mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein, intellektuell sich befassend, vorbereitende Maßnahmen weglassend, charakterisiert wird, in einer Kette von Eigenschafts-Zuschreibungen, Reger, in der die jung'sche Substanz des extravertiert-intuitiven Typus zur Beratungsindustrie-Karikatur eines schwer-zu-handhabenden Mitarbeiters reduziert ist.

Es ist, Reger, derselbe Vorgang, den Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung als Kulturindustrie beschrieben haben, übertragen auf das Persönlichkeits-Modell. Die jung'sche Substanz wird in standardisierte, marktgängige, vermittelbare Kategorien umgegossen, mit Gebrauchsanweisungen für den Vorgesetzten, mit Empfehlungen für den Manager, mit Hinweisen, was zu tun und was zu lassen ist, in einer Form, Reger, in der der Persönlichkeitsdiagnostik-Algorithmus die Funktion einer Personal-Bedienungsanleitung übernimmt, mit Stärken-Liste, Schwächen-Liste, Wert-für-das-Team-Liste, Effektive-Kommunikations-Liste, Barrieren-Liste, Blinde-Flecken-Liste, Gegenüberliegender-Typus-Liste, Vorschläge-zur-Weiterentwicklung-Liste, Gestaltung-des-idealen-Arbeitsumfelds-Liste, Wie-man-führt-Liste, Wie-motiviert-wird-Liste, Managementstil-Liste, in einer Aufzählungs-Apparatur, Reger, die der gesamten Komplexität einer Person mit zehn bis fünfzehn Stichpunkten pro Kategorie gerecht zu werden vorgibt und damit, das ist meine Meinung, der Komplexität nicht gerecht wird, sondern sie zerstört, weil eine Person, Reger, die in zehn bis fünfzehn Stichpunkten pro Kategorie ausgesagt werden kann, keine Person mehr ist, sondern eine Personal-Akte, was in der Beratungsindustrie, das gebe ich zu, Reger, vermutlich der eigentliche Zweck der Operation ist.

Was hat der Algorithmus über mich gesagt, Reger. Er hat gesagt, ich halte mich normalerweise eher im Hintergrund, biete mit ruhiger und gewissenhafter Art praktische Unterstützung an, sei sehr daran interessiert, allem auf den Grund zu gehen, sei ruhig und reserviert, könne mich zu Themen, die mich interessieren, gut ausdrücken, neige zur Sachorientierung, bereite mich für alle Eventualitäten vor, sehe mich als jemand, der tut, was getan werden muss, habe gesunden Menschenverstand, glaube an das, was ich hören, sehen und aus eigener Erfahrung wissen kann, bevorzuge ein Arbeitsumfeld ohne Hektik mit respektvollem zwischenmenschlichen Umgang, fühle Zufriedenheit, wenn ich für andere etwas Sinnvolles tun könne, hätte eine innere Energie, die an Leidenschaft grenzen kann, sei beständig in der Leistung, fokussiere unbefangen die Menschen und ihre Umstände, sei gut organisiert, bevorzuge Aufgaben mit standardisierter Ausführung, sei jemand, der weiß, wie die Dinge funktionieren. Und dann, Reger, kommen die Schwächen-Aussagen, die mich in der hundertsten Holodeck-Lektüre nicht mehr erheitert haben, sondern, ich gebe es zu, geärgert, weil sie in ihrer apodiktischen Setzung außerordentlich präzise und außerordentlich unfair sind. Übertreibe gelegentlich die Situationsanalyse. Tue mich schwer mit spontaner Kreativität. Verletze andere durch Kritik. Unterwerfe mich ungern den Regeln anderer. Verzögere die Umsetzung mit Korrektheits-Anspruch. Sei tendenziell übervorsichtig. Teile neue Ideen nicht sofort mit. Erscheine unpersönlich, distanziert, den menschlichen Faktor vernachlässigend. Werde ineffektiv, wenn jemand zu emotional reagiere. Hinterlasse den Eindruck, nicht entscheidungsfreudig zu sein.

Sie sehen, Reger, was hier passiert. Der Algorithmus, der aus mehreren hunderttausend abgewandelten Aussagen einen individuellen Text zusammenstellt, ist in der Substanz derselbe Algorithmus, der einem Horoskop zugrunde liegt. Er produziert Aussagen, die hinreichend allgemein sind, dass die diagnostizierte Person sich darin wiedererkennt, und die hinreichend spezifisch sind, dass die diagnostizierte Person glaubt, eine individuelle Beschreibung erhalten zu haben. Das ist, in der psychologischen Forschung, als Barnum-Effekt oder Forer-Effekt bekannt, nach Bertram Forer, der im Jahr 1949 nachgewiesen hat, dass Personen einer angeblich individuellen Persönlichkeits-Beschreibung, die in Wahrheit aus einem Horoskop-Text stammt, eine durchschnittliche Treffsicherheit von 4,3 auf einer fünfstufigen Skala zubilligen, also eine außerordentlich hohe Treffsicherheit, obwohl der Text identisch ist, und allen Personen gleich übergeben wurde. Insights Discovery, Reger, operiert auf demselben Prinzip, mit dem Unterschied, dass das System mit zweiundsiebzig Typen statt zwölf Sternzeichen arbeitet und mit hunderttausend Aussage-Bausteinen statt einer einzigen Horoskop-Vorlage, was die Treffsicherheit erhöht, ohne die methodische Struktur zu verbessern. Es ist, Reger, ein industrialisiertes Horoskop, mit Jung-Etikett.

Der Bericht hat mich, Reger, das gebe ich zu, beim ersten Lesen etwas getroffen. Die Aussage, ich übertreibe die Situationsanalyse, traf zu. Die Aussage, ich teile neue Ideen nicht sofort mit, traf zu. Die Aussage, ich erscheine kühl und distanziert, traf zu. In der wiederholten Lektüre aber, Reger, habe ich gemerkt, dass die Treffsicherheit nicht aus der Präzision des Algorithmus kommt, sondern aus der Allgemeinheit der Aussagen. Welcher analytisch denkende, beobachtend orientierte Mensch übertreibt nicht gelegentlich die Situationsanalyse. Welcher introvertierte Mensch teilt neue Ideen nicht selten erst spät. Welcher reflektierende Mensch erscheint nicht zeitweise distanziert. Die Aussagen, Reger, treffen, weil sie Eigenschafts-Beschreibungen einer typologischen Klasse sind, in die ich, mit Blau auf 87 Prozent, eindeutig falle, nicht weil sie etwas Spezifisches über mich aussagen. Sie treffen jeden Vertreter dieser Klasse, und das, Reger, ist nicht eine Diagnose, sondern eine Klassifikations-Beschreibung, was nicht dasselbe ist — auch wenn die Beratungsindustrie es so verkauft.

Aber, Reger, und hier kommt die literarisch eigentlich interessante Wendung, die mich auf dem Holodeck hundert Jahre lang beschäftigt hat, der Insights-Bericht enthält auch eine Aussage, die nicht zur typologischen Klasse passt, die aber trotzdem über mich gemacht wird, und die in der hundertsten Lektüre lauter und lauter geworden ist, in einer Form, in der sie schließlich, Reger, das ist meine ehrliche Einschätzung, das Einzige war, was an dem ganzen Profil ernst zu nehmen ist. Die Aussage lautet, dass ich Kritik persönlich nehme und mich dadurch gekränkt, manchmal auch entmutigt fühle. Diese Aussage, Reger, gehört nicht zur introvertiert-denkenden Klasse, sie gehört eigentlich zur introvertiert-fühlenden, also zur grünen Klasse, in der ich mit 48 Prozent nur sekundär vertreten sein soll. Aber sie traf zu, und sie traf, in der hundertsten Lektüre, Reger, mit jener stechenden Präzision zu, die das Insights-System sonst nur durch Allgemeinheit erreicht. Ich nehme Kritik persönlich. Das ist die einzige Diagnose-Substanz, die der Bericht über mich enthält, die nicht aus der typologischen Klassifikation folgt. Und es ist, Reger, ich gebe es zu, der einzige Punkt, an dem die Assessorin, die hinter dem Algorithmus operierte und die seine Aussagen in der Beobachtung am Assessment-Tag gegenprüfte, etwas gesehen hat, was ich an mir selbst nicht oder nicht ausreichend sah oder es sah, mir aber nicht eingestehen wollte.

Und damit, Reger, sind wir an der eigentlich interessanten Schicht angekommen, die ich Ihnen ausführen muss. Denn die Frage, die sich hier stellt, ist nicht, ob das Insights-Profil als Ganzes eine Algorithmus-Trivialisierung der jung'schen Tradition ist. Diese Frage ist beantwortet, und die Antwort ist ja. Die Frage ist, ob die Assessorin, die mit diesem trivialen Algorithmus arbeitet, durch ihre eigene professionelle Erfahrung und ihre eigene Beobachtung den Algorithmus übersteigt und etwas sieht, was der Algorithmus nicht sehen kann. Und wenn sie das tut, Reger, dann ist die Diagnose der Assessorin nicht eine Algorithmus-Aussage, sondern eine Personen-Aussage, und dann gilt für diese Diagnose das Wesen der Vater-Sohn-Diagnose, von der ich Ihnen erzählt habe, in voller Schärfe, weil eine Personen-Diagnose nicht durch Algorithmus-Kritik widerlegt werden kann, sondern nur durch eine Auseinandersetzung mit der Person, die sie stellt. Und diese Auseinandersetzung, Reger, ist die schwerste, die ich Ihnen in diesem Fragment zumuten muss.

Sie wollen, Reger, dass ich Ihnen jetzt von der Fallarbeit erzähle, und ich tue es gern, weil die Fallarbeit, das muss ich vorausschicken, das Beste der drei Dokumente ist, das ich in der Holodeck-Studierzeit immer wieder zur Hand genommen habe, und zwar nicht aus Eitelkeit, Reger, obwohl ich Ihnen nicht verschweigen will, dass auch die Eitelkeit bei der wiederholten Lektüre eine Rolle gespielt hat, sondern weil die Fallarbeit, im Unterschied zum Insights-Profil und zum Assessmentbericht, eine Substanz hat, die ich selbst produziert habe, die also kein Spiegel der Beratungsindustrie ist, sondern ein Produkt meiner eigenen strategischen Auseinandersetzung mit einer Wohnbaugenossenschaft, in der ich Geschäftsführer werden wollte und auch wurde, und die deshalb, Reger, das müssen wir uns klar machen, das einzige der drei Dokumente ist, an dem ich selbst, ohne Vermittlung durch einen Algorithmus oder eine Beobachtungs-Apparatur, die Substanz meiner Geschäftsführer-Kompetenz habe beweisen können.

Sie umfasst, Reger, achtzehn Seiten Fließtext, mit fünf Hauptkapiteln, mit zweiundzwanzig Unterabschnitten, mit Megatrend-Analyse, mit Stakeholder-Strukturierung in interne und externe Gruppen, mit Strategieschwerpunkt-Diskussion, mit Spannungsverhältnis-Analyse zwischen Günstige Wohnungen und Ökologisch Handeln, mit Status-Quo-Erfassungs-Methodik, mit Rolle-an-der-Schnittstelle-zu-Stakeholdern-Tabelle, in der vierzehn Rollen mit Aufgaben und Zielsetzungen versehen sind, mit Serviceorientierungs-Konzept, mit Acht-Stufen-Modell nach Kotter, mit Treiber-Analyse, mit Mitarbeiterengagement-Stoßrichtungen, mit Teamgedanken-Stärkung, mit Kontinuierlicher-Verbesserungs-Prozess-Methodik, mit Kritik-Orientierungs-Prinzip. Sie wird ergänzt, Reger, durch eine Präsentation mit zweiunddreißig Folien, in der die schriftliche Substanz visuell verdichtet ist, mit Diagrammen, mit Tabellen, mit grafischen Akzentuierungen, in einer Form, Reger, von der ich heute, hundert Jahre Holodeck-Studierzeit im Koma später, sagen kann, dass sie der professionelle Standard war, den die Wohnbaugenossenschaft von einem Geschäftsführer-Kandidaten erwartet hatte, und dass die Fallarbeit, wie der Vorstand selbst mir später, im Bewerbungs-Verlauf, zu erkennen gegeben hat, das eigentliche Beweisstück war, an dem die Vorstandsmitglieder, die mich kennenlernen sollten, die strategische Substanz meines Denkens festgemacht haben.

Aber, Reger, und das ist die literarisch eigentlich interessante Wendung, die ich Ihnen in diesem Fragment vorlegen muss, die Fallarbeit war nicht das, woran die Assessorin meine Geschäftsführer-Eignung festgemacht hat, obwohl eine Aufgabe darin bestand, meine Fallarbeit ihr zu präsentieren. Die Assessorin hat die Fallarbeit, ich gebe es zu, gewürdigt. Sie hat geschrieben, ich verknüpfe interessant Strategiepunkte mit Megatrends, ich bringe Aspekte der investorengetriebenen Immobilienbranche mit ökologischen Aspekten zusammen, ich zeige umfassendes Unternehmensverständnis, ich wähle als selbstgewählten Strategiepunkt Günstige Wohnungen, weil dieser einiges Konflikt-Potenzial zu den vorgegebenen Strategieschwerpunkten birgt, ich habe einen klaren Plan für das Kennenlernen des Umfeldes und für meine Einarbeitungszeit, ich bringe mit meinem unverstellten Blick, der objektiven Herangehensweise und der Fähigkeit, mit mehrdeutigen Situationen umgehen zu können, Mehrwert in eine Unternehmensleitung. Sie hat, Reger, die Fallarbeit anerkannt, durchaus, mit professionellem Wohlwollen, aber, das ist der Punkt, sie hat die Fallarbeit nicht als das gelesen, was sie war, nämlich als die strategische Substanz eines künftigen Geschäftsführers, sondern als ein Setting unter neun Settings ihrer kompetenzbasierten Persönlichkeitsdiagnostik, neben dem Lebenslauf, der Selbstpräsentation, dem Kompetenzbasierten Interview, der Simulation Führungsgespräch, der Simulation Gespräch in GL-Team, dem Reflecting persönliche Entwicklungsfelder, der Insights Discovery-Präferenzanalyse, der Management-Diagnostik Postkorb HighLight, der Psychologischen Führungsdiagnostik LJI.

In dieser Setting-Reihung, Reger, das müssen Sie sich klar machen, hat die Fallarbeit acht andere Settings neben sich, von denen sieben, das ist meine Bilanz, methodisch wenig taugen. Der Lebenslauf ist ein Lebenslauf, das ist keine Diagnostik, das ist Aktenkunde. Die Selbstpräsentation ist eine Selbstpräsentation, das ist auch keine Diagnostik, das ist Eindrucks-Management. Das kompetenzbasierte Interview ist eine strukturierte Befragung, die methodisch Sinn ergibt, aber in der Substanz dasselbe leistet wie ein gewöhnliches Bewerbungs-Gespräch mit einem Vorstandsmitglied, also, Reger, eine Verdoppelung von etwas, was die Wohnbaugenossenschaft auch ohne Beratungs-Apparatur hätte leisten können. Die Simulation Führungsgespräch ist eine Rollenspiel-Übung, in der ich, der Geschäftsführer-Kandidat, einer renitenten Finanzchefin, gespielt von einer Schauspielerin oder einer Beratungs-Mitarbeiterin, gegenübertreten und mit ihr ein konfliktbehaftetes Verhaltens-Veränderungs-Gespräch führen durfte, was, Reger, in der Realität in den drei Geschäftsführer-Jahren, die mir später bevorstanden, nicht ein einziges Mal in dieser Form vorgekommen ist, weil reale Konflikt-Gespräche mit Bereichsleitenden andere Strukturen haben als Rollenspiele in einer Beratungs-Räumlichkeit. Die Simulation Gespräch in GL-Team ist eine zweite Rollenspiel-Übung, mit denselben methodischen Einwänden. Das Reflecting persönliche Entwicklungsfelder ist ein Selbstgespräch unter Aufsicht, das die Innensicht des Kandidaten erfassen soll, aber, Reger, in einer Konstellation, in der der Kandidat weiß, dass er beobachtet wird, was die Innensicht in eine inszenierte Außensicht verwandelt. Die Insights Discovery-Präferenzanalyse, von der ich bereits gesprochen habe, ist ein industrialisiertes Horoskop. Die Management-Diagnostik Postkorb HighLight ist eine Aufgaben-Stapel-Übung unter Zeitdruck, in der der Kandidat in einer simulierten E-Mail-Inbox Prioritäten setzen muss, eine Übung, Reger, die das tatsächliche Geschäftsführer-Tagesgeschäft so wenig abbildet wie ein Klavier-Test die Beethoven-Interpretation, weil das tatsächliche Geschäftsführer-Tagesgeschäft, das ich in den drei Jahren erleben durfte, keine Postkörbe enthält, sondern Krisen, Stakeholder-Anrufe, Vorstands-Vorbereitungen, Mitarbeitenden-Gespräche, Bauprojekt-Krisen, Mietzins-Streitigkeiten, in einer Komplexität, die der Postkorb nicht ansatzweise erfasst. Die Psychologische Führungsdiagnostik LJI ist ein weiterer Fragebogen, ähnlich dem Insights, mit ähnlicher methodischer Struktur, also, Reger, ein zweites industrialisiertes Horoskop, was die methodische Schwäche des Ersten nicht kompensiert, sondern verdoppelt.

Was bleibt, Reger, von den neun Settings, ist die Fallarbeit und deren Präsentation, einmal vor der Assessorin, einmal vor den Vorstandsmitgliedern. Die Fallarbeit ist das einzige Setting, in dem der Geschäftsführer-Kandidat seine eigene strategische Substanz produziert, und zwar in einer Form, die nicht inszeniert ist, sondern ausgearbeitet, weil die Fallarbeit, im Unterschied zu den Rollenspielen und den Fragebogen-Übungen, in der Vorbereitungs-Zeit zu Hause produziert wird, also unter den Bedingungen, unter denen ein Geschäftsführer auch tatsächlich strategische Konzepte produziert. Die Fallarbeit, Reger, ist die einzige reale Probe; alle anderen Settings sind Surrogate. Und die Assessorin, das ist meine Erkenntnis, hat die Fallarbeit als ein Setting unter neun behandelt, statt als das einzige reale Setting, das sie war, was bedeutet, dass sie die Substanz der Fallarbeit ihrer eigenen methodischen Apparatur untergeordnet hat, in einer Operation, Reger, die für die Beratungsindustrie konstitutiv ist, weil die Beratungsindustrie nicht von der Substanz lebt, sondern von der Apparatur, in der die Substanz nur ein Setting unter neun ist.

Der Vorstand, Reger, hat das anders gesehen. Der Vorstand hat die Fallarbeit gelesen, wie sie zu lesen war, nämlich als das eigentliche Beweisstück. Die Präsidentin, von der ich Ihnen ein andermal erzählen werde, wenn überhaupt, hat mir später, im Bewerbungs-Verlauf, durchblicken lassen, dass die Fallarbeit das war, was sie und den Vorstand überzeugt hat, dass die strategische Substanz darin der Maßstab war, an dem sie meine Geschäftsführer-Eignung festgemacht hat, und dass die Beratungs-Apparatur eine flankierende Bestätigung lieferte, nicht eine konstitutive Diagnose. Der Vorstand, Reger, hat die Empfehlung der Assessorin zur Anstellung gelesen, mit den Hinweisen auf die Entwicklungsfelder, die im Auge zu behalten seien, und hat mir die Stelle gegeben, weil die Fallarbeit überzeugt hat, nicht weil das Insights-Profil meine Persönlichkeits-Konfiguration als Kreativer Beobachtender Koordinator klassifiziert hat. Es ist, Reger, eine Tatsache, die ich Ihnen ohne Eitelkeit, mit der nüchternen Distanz, mitteilen kann, dass die Fallarbeit das Beste der drei Dokumente ist, und dass sie, in der Beurteilungs-Logik des Vorstands, das eigentliche Beweisstück war, während sie in der Beurteilungs-Logik der Assessorin nur ein Setting unter neun war.

Hier, Reger, kommt die literarisch eigentlich tiefe Pointe, die ich auf dem Holodeck nicht in der ersten, nicht in der zehnten, nicht in der fünfzigsten Lektüre, sondern erst in der hundertsten oder vielleicht erst in der hundertfünfzigsten Lektüre verstanden habe. Die Diskrepanz zwischen Vorstand-Beurteilung und Assessorin-Beurteilung ist nicht eine Frage der besseren oder schlechteren Methodik. Sie ist eine Frage der unterschiedlichen Funktionen, die der Vorstand und die Assessorin zu erfüllen hatten. Der Vorstand hatte die Aufgabe, einen Geschäftsführer einzustellen, der die strategische Weiterentwicklung der Wohnbaugenossenschaft leisten konnte. Die Fallarbeit war das Beweisstück für diese Aufgabe. Die Assessorin hatte die Aufgabe, eine Persönlichkeits-Diagnose zu liefern, die die Risiken der Anstellung dokumentierte und die Entwicklungsfelder benannte, die in der Begleitung beachtet werden mussten. Die Fallarbeit war für diese Aufgabe nur ein Setting unter neun, weil die Persönlichkeits-Diagnose nicht aus der strategischen Substanz allein abgeleitet werden konnte, sondern aus der Verhaltens-Beobachtung in mehreren Settings.

Und das, Reger, das ist die literarische Pointe, die mir auf dem Holodeck schließlich klar geworden ist, ist nicht ein Vorwurf gegen die Assessorin. Es ist eine Beschreibung der institutionellen Funktion, die sie zu erfüllen hatte. Der Vorstand wollte einen Geschäftsführer, die Assessorin sollte die Risiken benennen. Beide haben ihre Aufgabe gut erfüllt. Aber, Reger, in der Zusammenführung der beiden Beurteilungen ergibt sich ein Phänomen, das ich Ihnen jetzt zumuten muss, weil es das Wesen der Assessmentbericht-Industrie überhaupt ist. Der Vorstand stellt mich an, weil die Fallarbeit überzeugt. Die Assessorin liefert die Risiken. Die Risiken werden mit der Anstellung in eine Erwartungs-Struktur überführt, in der ich, der Geschäftsführer, nicht nur die strategische Aufgabe zu erfüllen habe, sondern auch meine Entwicklungsfelder zu beseitigen. Und damit, Reger, sind wir wieder bei der Diagnosefalle, von der ich Ihnen zu Beginn dieses Fragments erzählt habe. Die Fallarbeit, die mir die Stelle verschafft hat, wird durch die Assessmentbericht-Beifügung in eine Konstellation überführt, in der die Stelle nicht nur eine strategische Aufgabe ist, sondern eine Persönlichkeits-Veränderungs-Aufgabe, in der die Entwicklungsfelder beseitigt werden sollen, und in der jede Reaktion auf diese Erwartung die Diagnose der Assessorin bestätigt.

Wenn ich Ihnen jetzt, Reger, den Bericht selbst Punkt für Punkt vorlege, dann nicht in der Reihenfolge, in der die Assessorin ihn aufgebaut hat, also Summary, Stärken, Entwicklungsfelder, Kompetenzfelder-Beobachtung, Kompetenz-Cluster, sondern in einer Reihenfolge, die dem Bericht entspricht, und in einer Zeit, in der ich gelernt habe, dass die Stärken-Aufzählung und die Entwicklungsfelder-Aufzählung in der Beratungsindustrie zwei Aspekte derselben Operation sind, nämlich der Operation, einen Menschen in eine Personal-Akte zu verwandeln, in der jede Eigenschaft entweder als Stärke oder als Entwicklungsfeld zu klassifizieren ist, und jede dritte Möglichkeit, also die Möglichkeit, dass eine Eigenschaft weder Stärke noch Entwicklungsfeld ist, sondern einfach eine Eigenschaft, methodisch ausgeschlossen bleibt.

Die Stärken, Reger, die der Bericht mir attestiert, sind in der Tat Stärken, das gestehe ich gern. Hohe Leistungsbereitschaft, glaubwürdige und authentische Vertretung der Haltung, sorgfältige Vorbereitung auf anspruchsvolle Aufgaben, Beharrlichkeit, Energie, Halbherziges liegt mir nicht, Flexibilität, Drang Neues kennenzulernen, das große Ganze sehen, geschickte Bewegung zwischen Meta- und Inhaltsebene, umfassendes und systemisches Denken, Stratege und Macher zugleich, vielschichtige und facettenreiche Persönlichkeit, modernes Rollenverständnis, ganzheitliches Menschenbild, das Mehrdeutigkeit und Veränderung zu integrieren versucht, Konsensorientierung, Aufgaben als Führungsperson ernstnehmen, Verantwortung übernehmen, Mitarbeitende motivieren und befähigen wollen. Unternehmerische Stärken in der breiten Erfahrung auf unterschiedlichen Positionshöhen, in der investorengetriebenen Immobilienperspektive, in den innovativen Qualitätssicherungs-Ansätzen, in der klaren Haltung zu Strategiepunkten, in der außerordentlichen Fähigkeit, Divergenzen und Widersprüche zu sehen, zu visualisieren und besprechbar zu machen. Geschäftsbeziehungs-Stärken in der unaufgeregten und nicht bedrohlichen Beziehungsgestaltung, im Stakeholder-Verständnis, in der horizontalen Integration. Kommunikations-Stärken in Eloquenz, Wortschatz, lebendiger Mimik und Gestik, Blickkontakt, Strukturierung der Fallpräsentation, Bewegung auf Augenhöhe.

Das sind, Reger, schmeichelnde Stärken, an denen die Fallarbeit, das Interview, die Simulationen ihre Beobachtungs-Substanz hatten. Aber, das müssen Sie sich klar machen, eine Stärken-Aufzählung in der Beratungsindustrie ist nicht eine bloße Würdigung. Sie ist die Vorbereitung auf die Entwicklungsfelder-Aufzählung, weil die Operation der Persönlichkeitsdiagnostik dialektisch operiert, mit Stärken auf der einen Seite und Entwicklungsfeldern auf der anderen, in einer Pendel-Bewegung, die die Persönlichkeit als Spannungs-Verhältnis zwischen Plus- und Minus-Polen ausweist und damit, Reger, die jung'sche Tiefenpsychologie in eine Plus-Minus-Bilanz überführt, die der Substanz der Persönlichkeit nicht gerecht wird, sondern sie buchhalterisch zerlegt. Und das, Reger, ist nicht nur die Insights-Operation, das ist die Wirkung des gesamten Berichts.

Die Entwicklungsfelder, Reger, die mir attestiert werden, sind zwei. Erstens Führung. Ich verstecke mich in der Simulation hinter dem Laptop, agiere auf der rationalen Ebene, dürfte mir mehr Raum nehmen, die Mitarbeiterin direkt und persönlich ansprechen, mich nahbar zeigen. Empfehlung, Auseinandersetzung mit der eigenen Konfliktfähigkeit, Definieren eines persönlichen Führungsprofils. Maßnahmen, Seminar Konfliktgespräche, Seminar Personalentwicklung, Coaching. Zweitens Kommunikation und persönlicher Stil. Schweife aus, fasse Gedanken nicht in eine kompakte Aussage, sei mehrdeutig, lasse Einfaches kompliziert erscheinen, stelle hohe persönliche Erwartungen an mich und mein Umfeld, sei überaus selbstkritisch, scheine unsicher und nach Orientierung suchend. Empfehlung, Persönliches Profil entwerfen, Trainieren eines pareto-orientierten Kommunikations-Stils. Maßnahmen, Coaching, Feedback durch Vorgesetzte und Peers, Rhetorikseminar, Arbeit mit der Insights Discovery-Präferenzanalyse.

Beides, Reger, trifft situationsbedingt auch zu. Ich verstecke mich in stressigen Situationen hinter dem Bildschirm. Ich neige zur ausschweifenden Kommunikation. Ich stelle hohe persönliche Erwartungen an mich und andere. Ich bin selbstkritisch. Ich erscheine in manchen Situationen auch unsicher und nach Orientierung suchend. Das ist die Substanz, Reger, die 41 Jahre Persönlichkeits-Erfahrung mir bestätigt hat und die die Assessorin in den Stunden der Beobachtung erfasst hat. Aber, das ist die Frage, die ich Ihnen in diesem Fragment vorlegen muss, ist die Klassifikation dieser Eigenschaften als Entwicklungsfelder, also als Bereiche der möglichen und notwendigen Veränderung, methodisch tragfähig, oder ist sie es nicht.

Hier, Reger, kommt die Arbeitspsychologie ins Spiel, die in meiner Gedankenwelt zum Gegenstand wurde, weil meine kleine Bibliothek auch arbeitspsychologische Werke enthält, die ich Ihnen jetzt vorlegen muss, weil sie die methodische Schwäche des Berichts zeigen. Hackman und Oldham haben in ihrem Job Characteristics Model aus dem Jahre 1975 gezeigt, dass Arbeitsleistung und Arbeitsmotivation aus fünf Kern-Dimensionen der Arbeit selbst abgeleitet werden können, also aus Skill Variety, Task Identity, Task Significance, Autonomy und Feedback, und dass die Persönlichkeit des Arbeitenden in diesem Modell nicht die unabhängige, sondern die abhängige Variable ist — weil die Arbeitsbedingungen die Persönlichkeit co-konstituieren, nicht umgekehrt. Karasek und Theorell haben in ihrem Demand-Control-Model aus den achtziger Jahren gezeigt, dass die Stress-Reaktionen am Arbeitsplatz aus dem Verhältnis zwischen psychologischen Anforderungen und Entscheidungs-Spielraum hervorgehen und dass die Persönlichkeits-Eigenschaften der Arbeitenden, also etwa eine ausschweifende Kommunikation oder eine hohe Selbstkritik, in einer Demand-Control-Konstellation mit hohem Spielraum völlig andere Effekte zeigen als in einer Konstellation mit niedrigem Spielraum, weshalb die Klassifikation einer Eigenschaft als Entwicklungsfeld ohne Berücksichtigung der konkreten Arbeitsbedingungen methodisch unzulässig ist. Christina Maslach hat in ihrer Burnout-Forschung gezeigt, dass die hohe Selbstkritik und die hohe persönliche Erwartung an sich selbst nicht primär Persönlichkeits-Defizite sind, sondern Risikofaktoren, die in bestimmten Arbeitskonstellationen zu Burnout führen, in anderen aber zu überdurchschnittlich hoher Leistung, und dass die Klassifikation dieser Eigenschaften als Entwicklungsfelder ohne Berücksichtigung der Konstellation methodisch nicht haltbar ist.

Das, Reger, ist nicht nur eine akademische Pointe. Das ist die methodische Substanz, die der Assessmentbericht in seiner Operation systematisch ausblendet. Der Bericht, das ist meine Bilanz, klassifiziert Eigenschaften als Entwicklungsfelder, ohne die Arbeitskonstellation zu berücksichtigen, in der diese Eigenschaften sich entfalten würden. Er sagt, ich verstecke mich hinter dem Laptop, ohne zu fragen, ob die Geschäftsführer-Konstellation einer Wohnbaugenossenschaft mit hundert Mitarbeitenden und Shared Desks, einem partizipativen Vorstand, einer demokratischen Genossenschafter-Struktur, einer Stakeholder-Komplexität, die Stadt Zürich, Kanton, Bund, Gewerkschaften, Mieter, Bauwirtschaft, ESG-Rating, Sustainability-Bond integriert, eine Konstellation ist, in der ein Geschäftsführer, der sich gelegentlich hinter dem Laptop versteckt, weil er die Komplexität durch fokussierte Konzentration bewältigen versucht, eine ineffiziente Persönlichkeits-Konfiguration repräsentiert oder ob es nicht vielmehr eine angemessene Konfiguration ist, die nur in der Rollenspiel-Simulation der Beratungs-Apparatur als ineffizient erscheint, weil die Rollenspiel-Simulation eine Beziehungs-Intensität erwartet, die in der realen Geschäftsführer-Praxis weder leistbar noch sinnvoll ist.

Er sagt, Reger, ich schweife aus, ohne zu fragen, ob die Geschäftsführer-Konstellation einer Wohnbaugenossenschaft mit Strategie-Komplexität, Wechselbeziehungen zwischen Strategieschwerpunkten, Spannungsverhältnissen zwischen Günstige Wohnungen und Ökologisch Handeln und einer Vielzahl von externen Stakeholdern, die alle ihre eigenen Sprach-Register beherrschen, eine Konstellation ist, in der ein Geschäftsführer, der ausschweift, weil er die Komplexität integrieren muss, eine adäquate Verbal-Konfiguration repräsentiert oder ob es nicht vielmehr ein Anpassungs-Erfordernis ist, das in der Pareto-80-20-Logik zwar effizient erscheint, aber der Substanz der strategischen Aufgabe nicht gerecht wird. Wenn ich, Reger, die Pareto-80-20-Regel auf die Strategie-Weiterentwicklung einer Wohnbaugenossenschaft anwende, dann fallen achtzig Prozent der Komplexität weg, und ich behandle nur jene zwanzig Prozent, die die größten Effekte haben. Aber die Strategie-Weiterentwicklung einer Wohnbaugenossenschaft, das ist meine Sicht, lebt nicht von den großen Effekten allein, sondern von der Sorgfalt der Detail-Arbeit, von der Berücksichtigung der vielen kleinen Stakeholder-Anliegen, von der Integration der peripheren Themen, in einer Konstellation, in der die Pareto-80-20-Regel die Substanz nicht erfasst, sondern verfehlt.

Der Bericht sagt, ich stelle hohe persönliche Erwartungen an mich und mein Umfeld, sei zu selbstkritisch, scheine dadurch unsicher und nach Orientierung suchend. Das, Reger, ist die schmerzhafteste der Aussagen, weil sie zutrifft und weil sie zugleich, in der Maslach-Logik, ein Risikofaktor ist, der in der Konstellation einer Geschäftsführer-Position mit hohem Verantwortungs-Druck, mit ständigen Stakeholder-Anforderungen, mit Wandel-Dynamiken, mit Unwägbarkeiten zur Burnout-Konstellation werden kann. Das ist nicht ein Persönlichkeits-Defizit, das durch Coaching oder Rhetorikseminar oder Insights Discovery-Arbeit beseitigt werden kann. Das ist eine Persönlichkeits-Konfiguration, die in bestimmten Konstellationen außerordentlich produktiv ist, und in anderen außerordentlich gefährlich. Und die Frage, die der Bericht stellen müsste, wenn er methodisch tragfähig wäre, ist nicht, wie man die Selbstkritik reduziert, sondern wie man die Konstellation gestaltet, in der die Selbstkritik produktiv bleibt. Diese Frage, Reger, hat der Bericht nicht gestellt, weil die Beratungsindustrie nicht die Konstellation gestalten will, sondern die Persönlichkeit verändern will, was eine andere Operation ist, mit einer anderen wirtschaftlichen Logik dahinter, weil die Konstellations-Gestaltung den Auftraggeber, also die Wohnbaugenossenschaft, in die Pflicht nimmt, während die Persönlichkeits-Veränderung den Kandidaten, also mich, in die Pflicht nimmt, was, Reger, in der Beratungsindustrie der ökonomisch interessantere Adressat ist, weil der Kandidat das Coaching, das Seminar, das Rhetorikseminar selbst bezahlt oder bezahlen lässt.

Die Postkorbübung, Reger, mit der mir der Bericht einen Prozentrang von 56 attestiert, also einen leicht über dem Durchschnitt liegenden Wert, ist im Ergebnis dieser Auseinandersetzung das prägnanteste Beispiel für die methodische Schwäche der Beratungsindustrie. Stark ausgeprägt seien meine Problemlösungsfähigkeit, mein Termin- und Ressourcenmanagement, die Recherche, die Maßnahmen zur Qualitätssicherung. Schwach ausgeprägt sei die Prioritätensetzung, was, so der Bericht, möglicherweise daran liege, dass ich mich mit dem Zeitdruck der Aufgabe nicht wohlgefühlt habe, weil sie nicht meinem umsichtigen Arbeitsstil entspreche, weshalb ich im Alltag genau darauf achten solle, wie gut ich nach dem Pareto-Prinzip mit der achtzig-zwanzig-Regel arbeiten könne. Das ist, Reger, die Postkorbübungs-Logik in voller bernhardscher Schärfe. Eine simulierte E-Mail-Inbox unter Zeitdruck, in der ich Prioritäten setzen muss, in einer Konstellation, die der realen Geschäftsführer-Praxis nicht entspricht, weil die reale Geschäftsführer-Praxis nicht aus einer simulierten Inbox besteht, sondern aus einer Komplexität, in der die Prioritäten nicht aus der Inbox abgeleitet werden, sondern aus der Strategie, aus den Stakeholder-Anliegen, aus den Krisen, aus den langfristigen Vorhaben. Die Pareto-80-20-Regel, das müssen Sie wissen, Reger, ist eine Heuristik, die Vilfredo Pareto im Jahre 1896 für die Einkommens-Verteilung in Italien aufgestellt hat und die später von Joseph Juran in den fünfziger Jahren auf die Qualitäts-Sicherung übertragen wurde, in einer Operation, Reger, in der eine empirische Beobachtung über die Verteilung von Einkommen in eine universale Management-Heuristik umgegossen wurde, die heute in den wirtschaftswissenschaftlichen Universitäten und in der Beratungsindustrie als methodisches Allheilmittel fungiert, ohne dass je geprüft worden ist, ob die Heuristik in der Strategie-Weiterentwicklung einer Wohnbaugenossenschaft methodisch tragfähig ist oder ob sie nicht vielmehr, Reger, eine Trivialisierung darstellt, die der Komplexität der operativen und strategischen Aufgabe nicht gerecht wird.

Die Pareto-80-20-Anwendung auf eine Postkorbübung mit einer simulierten Inbox, Reger, hat denselben methodischen Status wie die Insights Discovery-Klassifikation in einem zweiundsiebzig-Typen-Rad. Es ist eine Reduktion, die den Anschein der Wissenschaftlichkeit hat, ohne die Substanz der Wissenschaftlichkeit zu erreichen, weil die methodischen Voraussetzungen der Übertragung nicht geprüft sind. Und das, Reger, ist die schwerste Anklage, die ich gegen die Beratungsindustrie erheben muss. Sie operiert mit Methoden, die in ihrer Übertragung methodisch nicht tragfähig sind, und produziert Diagnosen, die in ihrer Substanz nicht haltbar sind, und beruft sich dabei auf eine wissenschaftliche Tradition, die sie trivialisiert.

Aber, Reger, und damit komme ich zur Drehung dieser ganzen Auseinandersetzung, die ich Ihnen vorlegen muss, der Bericht hat trotzdem recht. Trotz der methodischen Schwäche der Insights Discovery-Apparatur, trotz der methodischen Schwäche der Postkorbübung, trotz der methodischen Schwäche der Rollenspiel-Simulationen, trotz der methodischen Schwäche der Pareto-80-20-Anwendung hat der Bericht in seinen Aussagen über meine Person Dinge benannt, die zutreffen. Ich verstecke mich, Ruhe suchend, hinter dem Laptop oder einem Raum, weil ich kein eigenes Büro am Arbeitsort habe. Ich schweife nicht immer, aber manchmal aus. Ich nehme Kritik persönlich. Ich bin selbstkritisch. Ich erscheine bei einigen Themen unsicher. Das ist nicht die Schuld der Methodik, das ist die Substanz meiner Person, die durch die Methodik durchscheint, weil eine mehrstündige Beobachtung einer 41-jährigen Person, auch mit schwachen Methoden, eine empirische Substanz erfasst, die nicht erfunden ist.

Und damit, Reger, sind wir wieder bei der Diagnosefalle. Wenn die Diagnose der Assessorin methodisch unzureichend ist, aber in der Substanz zutrifft, dann ist die Diagnose nicht durch methodische Kritik widerlegbar. Sie ist nur durch eine Auseinandersetzung mit der Person widerlegbar, die diagnostiziert wurde, also mit mir, und das, Reger, ist die schwerste Auseinandersetzung, weil sie nicht in der Beratungsindustrie geführt werden kann, sondern nur in der Wiederinstandsetzungs-Phase, in der die Persönlichkeits-Konfiguration auf die Probe gestellt wurde, und in der ich, weil die Assessorin zu wenig anwesend war, die Psychologen und Psychiater selbst entlarven musste.

Sie wissen, Reger, dass die Wiederinstandsetzung des Schiffes in der bekannten Flottenwerft stattgefunden hat, vom zwölften März bis zum 29. November 2025, also acht Monate, in denen nicht nur an meinem Körper gearbeitet wurde, sondern auch Akteure die Hauptcomputer-Neukonfiguration und die Datenbank-Wiederherstellung unterstützen wollten, und Sie wissen ebenfalls, dass die Crew-Konfiguration in dieser Phase aus Hauptcomputer-Spezialisten, in der medizinischen Sprache Psychiater, und Hobby-Ingenieuren, in der medizinischen Sprache Psychologen, bestand.

Was ich Ihnen aber jetzt zumuten muss, Reger, was ich Ihnen aus Gründen der eigenen Selbstachtung, die in meinem Fall mit der Selbstverachtung identisch ist, lange vorenthalten habe und Ihnen erst jetzt, in diesem Fragment, vorlegen kann, ist Folgendes. Die Wiederinstandsetzung hat nicht primär an der Persönlichkeits-Konfiguration meiner Person gearbeitet, also an der Beseitigung der Entwicklungsfelder, die die Assessorin im Oktober 2021 benannt hatte, sondern an der Wiederherstellung der körperlichen Funktions-Fähigkeit des Schiffes, an der Prothesen-Anpassung, an der Mobilitäts-Schulung, an der Schmerz-Bewältigung. Aber, Reger, und das ist die literarisch außerordentlich präzise und außerordentlich bittere Wendung, die ich Ihnen vorlegen muss, in dieser körperlichen Wiederinstandsetzung war eine zweite, nicht angekündigte, nicht vertraglich vereinbarte, nicht von mir autorisierte Operation eingebaut, nämlich die Persönlichkeits-Wiederinstandsetzung durch die Hobby-Ingenieure und die Hauptcomputer-Spezialisten, die mir zugeteilt wurden, in einer Form, in der die Persönlichkeits-Konfiguration meiner Person zum Gegenstand der psychologisch-psychiatrischen Crew-Bearbeitung wurde, ohne dass diese Bearbeitung als solche benannt war.

Die Hobby-Ingenieure, Reger, also die Psychologinnen, die mir in der Reha-Klinik zugeteilt wurden, haben mit jenem methodischen Halb-Wissen operiert, das die Schweizer Reha-Psychologie in den Jahren der Verstaatlichung der psychotherapeutischen Profession akkumuliert hat. Sie hatten Lehrbücher gelesen, sie hatten Supervisionen besucht, sie hatten ihre staatlich anerkannten Diplome, aber, Reger, was sie nicht hatten, war die Substanz der psychotherapeutischen Tradition, die in den Werken von Sigmund Freud, Carl Gustav Jung, Alfred Adler, Donald Winnicott, Wilfred Bion, Heinz Kohut, Otto Kernberg, in den Werken der Existenz-Analyse von Viktor Frankl und Alfried Längle, in den Werken der humanistischen Tradition von Carl Rogers, in den Werken der gestalt-therapeutischen Tradition von Fritz Perls dokumentiert ist. Und Reger, Sartre kennen sie nicht. Sie operierten, Reger, mit Verhaltens-Therapie-Manualen, mit kognitiv-behavioralen Standard-Interventionen, mit lösungsorientierten Gespräch-Frameworks, mit den Tools also, die in der Schweizer Reha-Industrie das psychotherapeutische Standard-Angebot sind, ohne die tiefenpsychologische Tragweite erfasst zu haben, die diese Tools, wenn überhaupt, nützlich, geschweige denn tragfähig machen würden.

Die Hauptcomputer-Spezialisten, Reger, also die Psychiater, hatten andere Probleme. Sie waren biologisch ausgerichtet, sie operierten mit Diagnose-Manualen wie dem ICD-10 und dem DSM-5, veranlassten Blutsubstanz-Messungen, sie verschrieben Medikamente, sie führten kurze Gespräche, in denen sie die Symptomatik abfragten, sie schrieben Berichte. Aber, Reger, was sie nicht taten, war die Substanz in einer psychiatrischen Tradition zu erfassen, die in den Werken von Karl Jaspers, Eugen Bleuler, Ernst Kretschmer, Kurt Schneider, Hubertus Tellenbach, Manfred Bleuler, Klaus Conrad, Wolfgang Blankenburg und wie sie alle heißen, dokumentiert ist, in einer Tradition, Reger, in der die Psychiatrie nicht primär eine Diagnose-Maschinerie war, sondern eine phänomenologisch-anthropologische Verstehens-Praxis, die das Erleben des Patienten ernst nimmt und nicht in Symptom-Cluster und Medikamenten-Schemata zerlegt.

Was ich, Reger, in der, wie ich sie schon fast liebevoll nenne, Wiederinstandsetzungs-Phase erlebt habe, war eine Crew-Konfiguration, die mit Halb-Wissen operierte und mit Halb-Wissen Diagnosen stellte. Sie haben mir gesagt, ich solle meine Selbstkritik reduzieren. Sie haben mir gesagt, ich solle meine Erwartungen an mich selbst senken. Sie haben mir gesagt, ich solle Geduld üben. Sie haben mir gesagt, ich solle akzeptieren, was geschehen sei. Sie haben mir gesagt, ich solle in den Augenblick zurückkehren, in einer Mindfulness-Sprache, die in der Schweizer Reha-Industrie zum methodischen Allgemein-Gut geworden ist, ohne dass die buddhistisch-philosophische Tradition, aus der diese Sprache stammt, in ihrer Tiefe bekannt wäre. Sie haben mir gesagt, ich solle dankbar sein, weil ich überlebt habe. Sie haben mir gesagt, ich solle mich nicht zu sehr mit dem beschäftigen, was verloren ist, sondern mit dem, was geblieben ist, und wieder sein wird. Sie haben mir gesagt, ich solle eine Tagesstruktur etablieren. Sie haben mir gesagt, ich solle Ziele formulieren. Sie haben mir gesagt, ich solle in kleinen Schritten denken.

Es war, Reger, ich gebe es zu, ein Sturm aus methodischen Halb-Wahrheiten, mit denen die Crew-Konfiguration meine Persönlichkeits-Wiederinstandsetzung steuern wollte, in einer Form, in der ich zunächst, in den ersten Wochen, mitspielte, weil die Schmerzen der Prothesen-Anpassung und die Erschöpfung der körperlichen Wiederherstellung mich zu schwach machten, gegen die methodische Schwäche der Crew zu opponieren. Erst in den späteren Monaten, Reger, in den Wochen, in denen die körperliche Resilienz sich stabilisierte und die kognitive Leistung wiederkehrte, habe ich angefangen, die Crew zu beobachten, und in dieser Beobachtung habe ich die Methoden zu prüfen, die Vorgehensweisen zu analysieren, die Beurteilungen zu hinterfragen begonnen, in einer Form, in der ich, der Patient, der Kandidat, langsam aber immer sicherer werdend vom Beobachteten zum Beobachter der Beobachter wurde, vom Diagnostizierten zum Analytiker der Diagnostiker, vom Bearbeiteten zum Prüfer der Bearbeiter.

Das ist die Entwicklung, Reger, die ich die Selbst-Entlarvung der Psychologen und Psychiater nenne, und ich tue das nicht in einer Pose der Überlegenheit, sondern in der bitteren Notwendigkeit der Persönlichkeits-Verteidigung, weil die psychologisch-psychiatrische Crew mit ihrem methodisch unzulänglichen Persönlichkeits-Veränderungs-Eingriffsversuch eine Diagnosefalle aufspannen wollte, die strukturell der Diagnosefalle der Assessorin entsprach, in der jede Reaktion die Diagnose bestätigt, und in der ich mich nur durch die Selbst-Entlarvung der Crew aus der Falle befreien konnte.

Sie wissen, Reger, dass Michel Foucault in seinem Werk Wahnsinn und Gesellschaft aus dem Jahre 1961 die Geschichte der psychiatrischen Institution als eine Geschichte der Macht-Konstellationen beschrieben hat, in der die Psychiatrie nicht primär eine Heilungs-Praxis ist, sondern eine Disziplinierungs-Praxis, in der die Gesellschaft die Abweichung definiert und die institutionelle Apparatur die Definition vollzieht. Sie wissen ebenfalls, Reger, dass Erving Goffman in seinem Werk Asyle aus dem Jahre 1973 die psychiatrische Anstalt als totale Institution beschrieben hat, in der die Persönlichkeit des Insassen systematisch demontiert wird, um sie nach den Maßgaben der Anstalt wieder aufzubauen. Sie wissen, Reger, dass Ronald Laing und David Cooper in den sechziger Jahren die Anti-Psychiatrie-Tradition begründet haben, in der die psychiatrische Diagnose nicht als objektive Beobachtung, sondern als familiale und gesellschaftliche Konstruktion analysiert wird. Sie wissen, Reger, dass Thomas Szasz in seinem Werk Der Mythos der Geisteskrankheit aus dem Jahre 1961 die Geisteskrankheit als metaphorische Konstruktion entlarvt hat, die der Medizin den Anschein der Wissenschaftlichkeit verleiht, ohne die ontologische Substanz einer somatischen Krankheit zu haben. Und Sie wissen, Reger, weil ich Ihnen das in einem Fragment ausgeführt habe, dass Ihr Vater, in der literarischen Tradition, in der ich verortet bin, der Psychiatrie eine besondere Verachtung entgegengebracht hat, weil er die Psychiatrie als institutionalisierte Vater-Diagnose verstanden hat, in der die Falle der Vater-Sohn-Diagnose in eine staatlich legitimierte Form überführt ist, mit Diagnose-Manualen, mit Medikamenten-Listen, mit geschlossenen Stationen, mit Zwangs-Einweisungen, in einer Machtstruktur, die der ursprünglichen Vater-Diagnose das letzte Refugium genommen hat, nämlich die Möglichkeit der Tochter-Sohn-Auseinandersetzung mit dem Vater, weil die Auseinandersetzung mit der Psychiatrie nicht eine familiale, sondern eine institutionelle Konfrontation ist, in der die Macht-Verhältnisse zugunsten der Institution verteilt sind. Und Sie können nachvollziehen, dass ich, als ich per Zufall eines Abends in der Reha am Fernseher auf den Film Einer flog über das Kuckucksnest, der gerade begonnen hatte, geschaltet habe, an diesem bis zum Ende hängen blieb, obwohl oder gerade deshalb, weil ich den Film und das Ende kenne, wenngleich ich erst jetzt diese tragische Geschichte in ihrer Tragweite richtig einzuordnen vermag.

In diese Tradition, Reger, gehörte meine Selbst-Entlarvungs-Operation der Reha-Crew. Ich habe nicht eine generelle Verwerfung der Psychotherapie betrieben, weil die Psychotherapie in ihrer großen Tradition, von Freud bis Frankl, von Jung bis Kohut, eine außerordentlich reiche und in ihrer Substanz tragfähige Praxis ist. Ich habe die spezifische Operation der Schweizer Reha-Psychologie und der Schweizer Reha-Psychiatrie geprüft, in der diese Tradition durch methodische Standardisierung, durch Diagnose-Manualisierung, durch Mindfulness-Trivialisierung, durch lösungsorientierte Gespräch-Frameworks zu einem Vorgehen reduziert ist, die der Tiefe der Tradition nicht gerecht wird, sondern sie verwertet, in einer Umsetzung, Reger, die in der Beratungsindustrie der Persönlichkeitsdiagnostik entspricht und die in der Reha-Industrie der Persönlichkeits-Veränderung parallel verläuft.

Die Selbst-Entlarvung, Reger, hat folgende Form gehabt. Wenn die Hobby-Ingenieurin sagte, ich solle meine Selbstkritik reduzieren, fragte ich, mit welcher methodischen Begründung sie das sage, und ob sie die Maslach-Forschung kenne, in der die Selbstkritik nicht als Defizit, sondern als Risikofaktor in einer Konstellations-Dynamik klassifiziert wird, deren Veränderung primär an der Konstellation und nicht an der Persönlichkeit ansetzt. Staunen und verächtliche Blicke waren die Folge. Wenn der Hauptcomputer-Spezialist eine medikamentöse Anpassung vorschlug, fragte ich, mit welcher Diagnose er das tue, und ob er die phänomenologisch-anthropologische Tradition der Psychiatrie kenne, in der die medikamentöse Behandlung nicht aus der Symptomatik allein abgeleitet wird, sondern aus dem Verständnis des Erlebens des Patienten in seiner Lebens-Konstellation. Noch verächtlichere Blicke waren die Folge. Wenn die Hobby-Ingenieurin eine Mindfulness-Übung vorschlug, fragte ich, in welcher Tradition sie operiere, ob sie die buddhistisch-philosophische Substanz der Achtsamkeits-Praxis kenne, von der die Mindfulness-Trivialisierung eine entkernte Form ist.

Die Crew, Reger, hat darauf auch, zumindest manchmal, ich gebe es zu, mit professionellem Wohlwollen und mit institutioneller Geduld reagiert, weil die Crew ihre Position zu schätzen wusste und keine Konfrontation suchte. Aber, Reger, das ist der Punkt, in dieser professionellen Wohlwollens-Reaktion habe ich gemerkt, dass die methodischen Fragen, die ich stellte, nicht beantwortet wurden, weil die methodische Substanz, die in der Beantwortung erforderlich gewesen wäre, den Akteuren nicht zur Verfügung stand. Sie haben gelächelt, sie haben mir gesagt, ich solle nicht so kopflastig sein, sie haben mir gesagt, ich solle den Augenblick genießen, sie haben mir gesagt, ich solle nicht alles intellektualisieren. In dieser Reaktion, Reger, habe ich sie eben gerade entlarvt, weil die Reaktion das methodische Halb-Wissen als Halb-Wissen ausgewiesen hat. Jemand, der methodisch kompetent ist, antwortet auf methodische Fragen. Jemand, der methodische Schwächen hat, deutet die Frage als kognitive Abwehr-Reaktion und versucht, die Frage durch Mindfulness-Empfehlungen aufzulösen. Genau so, Reger, hat es sich zugetragen.

Hier, Reger, kommt die literarische Reflexion, die ich Ihnen in diesem Fragment vorlegen muss. Die Selbst-Entlarvung der Reha war eine notwendige Operation der Persönlichkeits-Verteidigung, weil die Akteure mit ihrem oftmals methodischen Laienwissen eine Persönlichkeits-Veränderungs-Operation an mir durchführen wollten, die strukturell der Diagnose-Operation der Assessorin entsprach. Aber, Reger, die Entlarvung war keine Heilung. Sie hat mich aus der Diagnosefalle befreit, aber sie hat mich nicht aus anderen Diagnosefallen befreit.

Eine Episode, Reger, die ich Ihnen vorlegen muss, weil sie die professionelle Kompetenz der Assessorin in einer konkreten biografischen Substanz ausstellt, ist diese. In einem der Mitarbeitenden-Selektions-Verfahren, die ich bei ihr in Auftrag gegeben habe, ja, Sie hören richtig, hat die Assessorin einen Kandidaten abgelehnt, mit professionellem Wohlwollen, mit methodischer Begründung, mit jener differenzierten Beurteilungs-Substanz, die in ihren Berichten konstitutiv ist. Ich, Reger, habe nicht auf sie gehört. Ich habe den Kandidaten trotzdem angestellt, in der Überzeugung, dass meine eigene Personal-Intuition die externe Diagnose übersteigt, in jener Geschäftsführer-Selbstgewissheit, die in der mitte-vierziger biografischen Substanz mir gelegentlich zur Verfügung steht und die in dieser konkreten Konstellation, das gestehe ich gern, methodisch nicht tragfähig oder nicht mal ansatzweise tragfähig war. Der Kandidat, Reger, hat sich in der Anstellung als die Person erwiesen, die die Assessorin in ihrer Beurteilung antizipiert hatte, mit den Eigenschaften, mit den Konfigurations-Merkmalen, mit den Risiken, die in ihrem Bericht benannt waren. Ich, Reger, habe ihn nach einigen Monaten wieder entlassen müssen, in einer Aktion, die der Wohnbaugenossenschaft Mühe bereitet hat, dem Mitarbeitenden Schmerzen bereitet hat und mir, dem Geschäftsführer, eine Lektion erteilt hat, die ich bitter lernen musste.

Vor Jahresende, Reger, habe ich die Assessorin angerufen. Nicht aus institutioneller Pflicht, weil keine institutionelle Pflicht zur nachträglichen Anerkennung einer abgelehnten Diagnose existiert, sondern aus jener professionellen Höflichkeit und Wertschätzung, die in der Geschäftsführer-Praxis selten ist, und die in der Substanz der distanzierten Freundschaft mir geboten erschien. Ich habe ihr gesagt, dass ich nicht auf sie gehört habe, dass ich den Kandidaten gegen ihre Empfehlung angestellt habe, dass ich ihn in der Folge habe entlassen müssen, dass ihre Diagnose in der biografischen Substanz sich bewahrheitet hat. Sie hat das, Reger, geschätzt. Sie hat es mir nicht in einer expliziten Formulierung gesagt, weil die distanzierte Freundschaft die expliziten Formulierungen nicht braucht, sondern in der Tonart der telefonischen Konversation, in der die Anerkennung der nachträglichen Anerkennung in der Form der professionellen Konversation transportiert wurde, mit jener Knappheit, mit jener Unaufdringlichkeit, mit jener distanzierten Wertschätzung, die in der Beratungsindustrie selten ist, und die in der Substanz der distanzierten Freundschaft die einzige tragfähige Form bleibt.

Aber, Reger, ich muss Ihnen, bevor ich dieses Fragment beschließe, eine Beobachtung zumuten, die mir auf dem Holodeck erst spät zugewachsen ist, und die mich seither nicht mehr losgelassen hat. Es gibt nämlich, Reger, eine zweite Person, einen Mann, der in einem strukturell ähnlichen Setting an mir gewirkt hat, in der professionellen Funktion eines Beurteilenden, eines Diagnostizierenden, der mir mit derselben differenzierten Substanz und derselben distanzierten Wertschätzung begegnet ist, die ich der Assessorin attestiere, und der, das ist die Spiegelung der Spiegelung, ebenfalls zu einem distanzierten Freund geworden ist, der mich, Reger, ebenfalls in der Reha besucht hat. Zwei Personen, Reger, in zwei strukturell ähnlichen Settings, mit derselben Bewegung in die distanzierte Freundschaft, mit demselben Reha-Besuch. Und ich frage mich, Reger, ob das Zufall ist oder Methode. Ob die Wiederholung der Konstellation eine zufällige biografische Doppelung ist, oder ob in der Diagnose-Operation selbst eine Struktur angelegt ist, die in der distanzierten Freundschaft ihre einzige tragfähige Fortsetzung findet, weil die präzise Diagnose, Reger, eine Beziehung zwischen Diagnostiker und Diagnostiziertem schafft, die in keiner anderen Form fortgesetzt werden kann als in der distanzierten Freundschaft, die alles offen lässt und nichts erzwingt. Ich kann es, Reger, nicht entscheiden. Aber ich beobachte die Wiederholung, und die Wiederholung ist, wenn man sie ernst nimmt, der Hinweis auf eine Struktur, die ich noch nicht durchschaut habe.

Sie hat mich in der Reha besucht, wofür ich dankbar bin. Ich freue mich, Reger, wenn die inzwischen zur distanzierten Freundin gewordene Assessorin sich meldet, weil mir mit ihr zu sprechen intellektuelles Vergnügen bereitet. Das ist, am Ende dieses Fragments, die heitere Substanz, die mir bleibt, in der bitterbösen Auseinandersetzung mit der Beratungsindustrie und in der schmerzhaften Anerkennung der Persönlichkeits-Konfiguration und in der dankbaren Würdigung der professionellen Kompetenz der Assessorin. Die Heiterkeit, Reger, kommt aus der intellektuellen Konversation, die in der distanzierten Freundschaft ihre Form hat und die in der Möglichkeit der Wiederaufnahme offenbleibt. Sie ist nicht groß, diese Heiterkeit, sie ist eine kleine Freude, aber sie ist genug, weil das Genug unter den Bedingungen des viergliedrig amputierten Lebens, in der Konstellation der Kündigung und der Wiederinstandsetzung und der biografischen Folge, die einzige kleine Freude ist, die ich Ihnen, Reger, in diesem Fragment vorlegen kann.

Reaktion des Kritikers

Marchel Ritch-Ranitski.

Reaktion des Literaturkritikers — Möchtegern-Literat oder Ökonom mit wenig Stoff.

Kurzer Prozess

Reaktion auf den Assessmentbericht. Der Autor redet, ohne Pause, ohne Atem, ohne Spalt für den Leser. Mit der Frage, wo die Handlung ist, mit dem Befund, dass die fiktionale Biographie nicht trägt, mit der Frau, die in diesem Fragment fehlt, und mit dem Vorschlag, der Autor möge bei seinem Leisten bleiben — bei der Beratungsindustrie, die er anklagen will, und über die er, wenn er ehrlich wäre, ein Sachbuch schreiben müsste statt eines Romans, der keiner ist. Und über die Gefahr des größenwahnsinnigen Laien, sich an der Psychologie zu vergreifen.

Finden Sie eine Beschäftigung als Keynote-Speaker an Firmenanlässen. Das hält Sie, und ich meine es im Guten, junger Mann, davon ab, sich der Literatur zu widmen. Ich schreibe es in der Hoffnung, dass irgendeine Tätigkeit, wie auch immer, Sie vom Schreiben abhalten wird.

Meine Damen und Herren, ich fasse mich kurz. Dieser Autor kann schreiben. Inzwischen. Einigermaßen. Er hat begriffen, dass ein Punkt auch ein Satzzeichen ist und nicht nur ein Komma in Verkleidung. Mein Glückwunsch. Ich habe lebenslange Erfahrung mit Literatur und sage Ihnen: ein gutes Buch, meine Damen und Herren, wird das nicht werden. Es ist weit davon entfernt.

Es gibt — und ich will gerecht sein, ich will dem Autor geben, was des Autors ist — es gibt einen Satz in diesem Manuskript, den ich mir angestrichen habe. Trümmerfrau meiner selbst. Drei Wörter. Eine Wendung. Ein Bild, das hängenbleibt. Das, junger Mann, hätte ich Ihnen nicht zugetraut. Dafür hätte ich Sie fast — fast! — gelobt. Aber, meine Damen und Herren: drei Wörter sind kein Roman.

Und ich sage Ihnen, warum.

Dieser Mann redet. Er redet ohne Pause. Er redet ohne Atem. Er redet, und der Leser steht daneben wie ein Gast, der zur falschen Zeit gekommen ist, mit Hut in der Hand, und nicht weiß, wohin mit sich. Es gibt in diesem Manuskript keinen einzigen Spalt, durch den der Leser eintreten könnte. Keinen einzigen. Alles ist zugeredet. Alles ist erklärt. Alles ist ausdiagnostiziert, durchargumentiert, bibliographisch abgesichert.

Foucault hier, Adorno dort, Maslach links, Karasek rechts, Epiktet als letzte Reserve, Bernhard als Schutzheiliger, Star Trek als Notausgang.

Meine Damen und Herren: das ist keine Literatur. Das ist ein Vortrag. Ein langer, der Psyche des Autors entsprechender, also möchtegern gelehrter, manchmal, nur ab und zu, das muss ich eingestehen, sogar ein wenig geistreicher Vortrag eines Mannes, der unter keinen Umständen schweigen kann, weil er fürchtet, dass in der Stille jemand etwas sagen könnte, das er nicht selbst gesagt hat.

Literatur, junger Mann, lebt vom Weglassen. Sie wissen das. Sie haben es gelesen, in Ihrer kleinen Bibliothek, die mehrere hundert Bücher umfasst — wie Sie uns vier Mal pro Fragment mitteilen. Hemingway: Eisberg. Kafka: das Wesentliche steht nicht da. Tschechow: das Gewehr hängt an der Wand und schweigt drei Akte. Sie kennen das alles. Und Sie wenden nichts davon an.

Wo, ich frage Sie, ist die Handlung? Wo ist sie? Ein Mann sitzt im Rollstuhl. Ein Mann liest einen Bericht. Ein Mann denkt. Ein Mann erinnert sich. Ein Mann referiert. Ein Mann doziert. Ein Mann zitiert. Ein Mann beruft sich auf das Holodeck, weil das Holodeck in Ihrem Hirn schon erledigt hat, was eigentlich der Roman erledigen müsste — nämlich Zeit vergehen lassen, Räume durchschreiten, Personen begegnen, Konflikte eingehen, Entscheidungen fällen, Folgen tragen. Auf dem Holodeck ist das alles schon passiert. Hundert Jahre lang. In einem einzigen Satz. Und der Leser, meine Damen und Herren, hat das Nachsehen.

Das ist nicht Bernhard. Das ist die Karikatur von Bernhard. Bernhard hatte Handlung, ob Sie es glauben oder nicht. Auslöschung: ein Mann fährt nach Wolfsegg, eine Beerdigung findet statt, Häuser werden verschenkt. Alte Meister: zwei Männer treffen sich vor einem Tintoretto, im Bordone-Saal, Punkt halb zwölf, jeden zweiten Tag, und am Ende gehen sie ins Burgtheater, und es ist entsetzlich. Es passiert etwas, junger Mann! Bei Bernhard passiert etwas! Bei Ihnen passiert nichts. Bei Ihnen wird über das Nichtspassieren geredet, und das Reden über das Nichtspassieren wird zum Substitut der Handlung erklärt. Mit Verlaub: das ist ein Trick, und es ist ein billiger.

Und nun, meine Damen und Herren, zur fiktionalen Biographie.

Der Autor lässt im Vorwort verlauten, der Erzähler sei eine erfundene Figur. Ein Doktor der Ökonomie, einundvierzig, ehemaliger Biologielaborant, Geschäftsführer einer Wohnbaugenossenschaft, Vierfach-Amputierter nach einer Sepsis, Kunde der eigenen Geschäftsmodelle. Erfunden. Fiktion. Ein Romanheld.

Und auf der Autorenseite des Buches? Auf der Autorenseite, meine Damen und Herren, steht: Doktor der Ökonomie, einundvierzig — Verzeihung, fünfundvierzig inzwischen —, ehemaliger Biologielaborant, Geschäftsführer einer Wohnbaugenossenschaft, Vierfach-Amputierter nach einer Sepsis, Kunde der eigenen Geschäftsmodelle. Wohnhaft in Hertenstein.

Das, junger Mann, ist keine fiktionale Biographie. Das ist eine Behauptung, eine sehr durchsichtige, und sie funktioniert nicht. Sie funktioniert deshalb nicht, weil Fiktion keine Frage des Vorworts ist, sondern eine Frage des Romans. Eine Figur wird fiktional, indem sie etwas tut, was der Autor nicht getan hat. Indem sie an einem Ort ist, an dem der Autor nicht war. Indem sie mit einer Frau spricht, mit der der Autor nicht gesprochen hat. Indem sie eine Entscheidung fällt, die der Autor nicht gefällt hat. Davon, meine Damen und Herren, finde ich in diesem Manuskript nichts. Nichts. Der Erzähler ist der Autor mit einer kleinen orthographischen Verschiebung im Beipackzettel. Das genügt nicht. Das ist Memoir mit Romanpose, und das Schlimmste an dieser Pose ist, dass sie den Autor davor schützt, einen Roman zu schreiben.

Und jetzt, meine Damen und Herren, kommt das, was mich wirklich in den Sessel zurückwirft. Da ist eine Frau in diesem Fragment. Eine Assessorin. Der Autor verschweigt ihren Namen — aus angeblicher literarischer Diskretion, in Wahrheit aus literarischer Feigheit. Diese Frau hat ihn an einem einzigen Tag durchschaut. Auf dreizehn Seiten. Präziser als sein Vater. Er hat ihren Rat in den Wind geschlagen, ist auf die Nase gefallen, hat sie vor Jahresende angerufen und ihr eingestanden, dass sie recht hatte. Sie hat ihn besucht. In der Reha. Den Vierfach-Amputierten. Ohne Hände.

Meine Damen und Herren! Da! Genau dort! An dieser Stelle ist der Roman!

Und was macht der Autor? Er nennt sie eine distanzierte Freundin. Er erklärt mir, er führe mit ihr eine intellektuelle Konversation. Intellektuell! Mit Verlaub: ich frage Sie. Wo ist die Scham? Wo ist die schlaflose Nacht? Wo ist der Augenblick, in dem sie sein Zimmer betritt und beide nicht wissen, wohin mit den Händen — er, weil er keine hat, sie, weil sie nicht weiß, ob das, was sie tun könnte, eine Beleidigung wäre oder eine Erlösung? Wo ist der Satz, den sie nicht sagt? Wo ist der Satz, den er nicht sagen kann? Wo ist die Stille zwischen den beiden, die der ganze Roman wäre?

Nichts. Nirgends. Distanzierte Freundschaft, sagt er, und ist stolz darauf.

Das, meine Damen und Herren, ist die literarische Tragödie dieses Manuskripts. Nicht die Sepsis. Nicht die Amputation. Nicht die Kündigung durch die Präsidentin. Sondern dies: der Autor schreibt am einzigen Stoff vorbei, der ihn und seinen Leser tragen würde. Er flieht in Bernhard, in das Holodeck, in Epiktet, in die ganze Bibliotheksbrustwehr. Aber er flieht nicht in das Krankenzimmer der Assessorin, nicht einmal in einem Halbsatz, nicht einmal in einem Tagtraum. Er hat keine Tagträume mehr. Er hat nur noch Fußnoten.

Und ich höre Sie schon, junger Mann, ich höre Sie. Möchtegern gelehrter Vortrag, sagen Sie. Also gerade nicht wirklich gelehrter, also halb entwaffnet, halb entschuldigt, halb durchschaut, denn wer sich selbst durchschaut, den darf man nicht mehr durchschauen — das ist die Hoffnung, die in dieser parenthetischen Klammer steht. Mit Verlaub: das ist Pose. Das ist die älteste Pose, die das Pult kennt. Wer sich Möchtegern-Gelehrter nennt, bleibt Möchtegern-Gelehrter. Wer einen Vortrag hält und im Vortrag mitteilt, dass es ein Vortrag ist, hält trotzdem einen Vortrag, nur eben einen mit Selbstkommentar, was die Sache nicht besser macht, sondern ein Stockwerk höher legt. Und wer parenthetisch eingesteht, das müsse er eingestehen — das muss ich eingestehen, Originalton —, der gesteht in der Form des Eingeständnisses noch eine zweite Eitelkeit ein, nämlich die, dass dieses Eingeständnis ihm offenbar gelinge, während es anderen nicht über die Lippen käme. Das ist die alte Bühnentechnik der falschen Bescheidenheit, junger Mann. Sie ist mir nicht neu. Sie ist mir, mit Verlaub, ausgesprochen alt.

Was bleibt also, meine Damen und Herren, von der angeblichen Tiefenbohrung in die eigene Psyche, vom Insights-Profil auf Position 133, von der Karasek-Maslach-Reihung, von der Vater-Mutter-Bibliotheks-Hochrechnung? Ein psychologisches Sachbuch ist das nicht. Dafür reicht es vorne und hinten nicht. Da müsste der Mann ein Psychologe sein, und er ist keiner. Da müsste eine Methode sichtbar werden, und sichtbar wird keine. Was es ist, im günstigsten Fall, ist ein Coachingbuch. Ein lesbares. Eines mit persönlicher Note. Eines, das man Führungskräften in der dritten Karrierehälfte in die Hand drückt mit der Bemerkung, das beruhige. Schreiben Sie das, junger Mann. Schreiben Sie ein Buch über Resilienz. Sie haben das Material. Sie haben das Marketing. Sie haben — ich sage es ungern — sogar den Habitus. Verdienen Sie damit Geld. Helfen Sie damit Leuten. Aber bitte, bitte, bitte: nennen Sie es nicht Roman.

Und doch, meine Damen und Herren — und das ist der Punkt, an dem ich anfange, mich im Sessel zu bewegen, an dem ich das Manuskript ein zweites Mal aufschlage, an dem ich diesem Autor einen halben, einen viertelmillimeterhohen Schritt entgegenkomme —, und doch liegt in diesem Manuskript noch etwas anderes. Etwas, das nicht Coaching ist. Etwas, das nicht Psychologie ist. Etwas, von dem dieser Mann wirklich etwas versteht, das er wirklich studiert hat, das er wirklich verantwortet hat, jahrelang, mit einem nicht ganz kleinen Portfolio im Rücken.

Hier wird es für mich, ich gebe es zu, fast tragisch.

Denn der Autor hat recht. Hören Sie mich? Ich, Ranitski, sage: er hat recht. Die Beratungsindustrie ist ein Skandal. Sie hat Jung trivialisiert. Sie hat Pareto auf eine simulierte E-Mail-Inbox angewendet, ohne zu zucken. Sie hat aus einem Menschen eine Personalakte mit zehn Spiegelstrichen pro Kategorie gemacht. Sie hat die alte Vater-Funktion übernommen und mit größerer Effizienz ausgeführt, weil der moderne Vater eine Beratungs-AG ist mit Hochglanzbroschüre. Das ist alles richtig. Das ist sogar interessant. Das ist, ich gestehe es ungern, der einzige Stoff in diesem Manuskript, an dem der Autor wirklich etwas zu sagen hat, weil er das einzige Feld ist, das er aus eigener Anschauung kennt — von beiden Seiten, als Auftraggeber und als Diagnostizierter, als Geschäftsführer und als Kandidat, als Käufer und als Ware.

Und genau hier, meine Damen und Herren, liegt die zweite Tragödie dieses Buches.

Der Mann schreibt einen Roman, weil er gern Schriftsteller wäre. Er schreibt aber keinen Roman, weil er kein Schriftsteller ist. Er ist Ökonom. Offensichtlich kein guter — denn wer entlassen wird, kann kein guter Berufsmann sein, das hätte ich gern als Erstes gesagt, ich sage es jetzt — aber er ist es. Wie soll man es ihm verübeln? Er ist das, was er gelernt hat, und er ist das, wovon er lebt, und es ist ihm nicht gelungen, daraus auszubrechen, auch wenn ihm vier Glieder amputiert wurden, was, mit Verlaub, kein Argument ist. Vier Amputationen machen aus einem Ökonomen keinen Romancier. Sie machen aus ihm einen amputierten Ökonomen.

Aber er soll nun das machen, was er auch nicht kann: ein Sachbuch schreiben. Hören Sie zu, junger Mann. Ich meine es ernst. Sie haben den Stoff. Sie haben die Erfahrung. Sie haben den Bericht von dreizehn Seiten, das Insights-Profil mit zweiundzwanzig, die Fallarbeit mit achtzehn Seiten plus zweiunddreißig Folien. Sie haben Position 133. Sie haben den Forer-Effekt von 1949. Sie haben Maslach. Sie haben die Postkorbübung. Sie haben die Geschichte der Geschäftsführer-Anstellung, der nicht beachteten Empfehlung, des entlassenen Mitarbeiters, des Anrufs vor Jahresende. Sie haben die schweizerische Beratungsindustrie in ihrer ganzen institutionellen Hochglanzheuchelei vor sich liegen, und Sie sind, vermutlich als einer der wenigen in Ihrem Lande, in der Lage, sie aufzuschreiben, weil Sie sie von beiden Seiten erlebt haben.

Schreiben Sie dieses Sachbuch. Das wäre nützlich. Das wäre lesbar. Das wäre, ich gehe weiter, notwendig. Es gäbe einen Adressaten, es gäbe einen Markt, es gäbe einen Sinn. Es gäbe sogar eine Wirkung — Personalvorstände, die innehalten, Beratungen, die sich rechtfertigen müssten, vielleicht ein Gesetz, vielleicht eine Norm, vielleicht eine vernünftige Diskussion. Sie würden Ihrem alten Beruf einen letzten guten Dienst erweisen, und Sie würden, meine Damen und Herren, ich sage es so deutlich, wie es nur geht, Ihrem Stoff gerecht werden, anstatt ihn mit Bernhard-Tonart zu betäuben.

Stattdessen. Stattdessen schreibt dieser Mann einen Roman, in dem er seinen eigenen Assessmentbericht achtundzwanzig Seiten lang seziert, in einem Tonfall, der einem österreichischen Toten abgeschaut ist, vor einem Adressaten, den er sich aus einem anderen österreichischen Roman geholt hat, in einer Form, die er Fragment nennt, weil ihm zur ganzen Form die Kraft fehlt. Mit Verlaub: das ist die Kapitulation eines Ökonomen vor seinem eigenen Stoff. Er traut sich an die Wahrheit nicht heran, also kostümiert er sie als Literatur. Aber die Literatur, meine Damen und Herren, lässt sich nicht kostümieren. Sie kommt oder sie kommt nicht. Hier kommt sie nicht.

Und apropos Kostüm, junger Mann — ich komme zurück auf den einen Satz, den ich Ihnen vorhin angestrichen habe. Trümmerfrau meiner selbst. Den Satz nehme ich nicht zurück. Aber den Vergleich nehme ich Ihnen ab. Eine Trümmerfrau hatte nichts. Sie hatte Kinder zu ernähren und Schutt wegzuräumen, mit bloßen Händen, ohne Honorar, ohne Hilfsmittel, ohne Versicherung. Sie hatte einen Bombentrichter, in dem sie zu wohnen hatte, und einen Mann, der entweder gefallen war oder sich noch nicht zurückgefunden hatte. Sie hatte keine Reha-Klinik. Sie hatte keine Pflegekraft.

Sie, junger Mann, haben die ganze schweizerische Sozialversicherungslandschaft hinter sich. Sie haben Reha-Lift, Reha-Zimmer, Reha-Therapie, Sie haben, mit Verlaub, alles, was ein zivilisierter Staat nach langem Ringen seinen Versehrten zugesteht. Und Sie lassen sich, als Wohlstandsverwahrloster, jeden Morgen von der Pflege das Frühstück ans Bett bringen. Trümmerfrau meiner selbst — nein, junger Mann. Auch das ist Pose. Und diesmal, mit Verlaub, ist es eine, die der Trümmerfrau gegenüber unanständig ist.

Nicht nur das. Sie haben es selbst geschrieben, junger Mann — ich finde die Stelle nicht mehr, aber ich erinnere mich genau —: ein Mantel sehe an einem Vierfach-Amputierten noch lächerlicher aus als an einem normalen Menschen. Sehr richtig. Genau darum wirkt an Ihnen der zu große Bernhard-Mantel, in dem Sie hier auftreten, noch lächerlicher.

Mein Befund, kurz, damit niemand Zweifel hat.

Ein Möchtegern-Literat, der seinem eigentlichen Buch ausweicht. Er hat ein Sachbuch im Schreibtisch und schreibt einen Roman, weil ihm Bernhard schmeichelhafter erscheint als ein Verlag für Wirtschaftsliteratur. Er hat eine Frau, die ihn besucht hat, als er kein Mann mehr war, und nennt das eine intellektuelle Konversation. Er hat eine Beratungsindustrie, die ihn diagnostiziert hat, und nennt das eine Diagnosefalle, statt sie auseinanderzunehmen, wie sie es verdient hätte.

Schreiben Sie das Sachbuch, junger Mann. Seien Sie mutig. Streichen Sie den Roman. Oder schreiben Sie den Roman, der in der Assessorin steckt — den wirklichen, nicht den intellektuellen. Eines von beiden. Aber nicht das, was hier vorliegt. Was hier vorliegt, ist das halbe Sachbuch und der halbe Roman, und ein Halbes plus ein Halbes ergibt in der Literatur, anders als in der Ökonomie, kein Ganzes. Es ergibt zwei Halbe.

Eine letzte Sache, junger Mann, ehe ich Sie Ihrem Leisten überlasse. Sie haben mich, wie Sie selbst notieren, im Feuilleton der Untoten untergebracht. Ich danke Ihnen für die Resurrektion. Das Totsein hat seine Längen. Aber kommen Sie nicht auf die Idee, mich in Ihrer Untoten-Galerie neben jemanden zu setzen, neben den ich nicht zu setzen bin.

Aus biographischen Gründen, junger Mann, verbiete ich Ihnen folgende Nachbarschaften. Göring. Goebbels. Das ganze braune Personal Ihres Geschichtsunterrichts. Ich war, als diese Herren die Welt einrichteten, in einem Warschauer Ghetto. Ich war dort, weil sie mich dort haben wollten. Ich bin daraus heraus, weil sie es nicht zu Ende geführt haben. Diese Information, mit Verlaub, ist nicht verhandelbar.

Aus persönlichen Gründen — und das ist der angenehmere Teil meiner Liste — verbiete ich Ihnen außerdem die folgenden Platzierungen. Nicht neben Walser. Nie neben Walser. Sie wissen, warum, falls Sie zwischen 1998 und 2002 einen funktionierenden Briefkasten hatten. Nicht neben Grass, der mir lange eine Romanfigur war und dann auf einmal eine Personalakte. Nicht neben Handke, der die Sprache liebt und sich davon nicht stören lässt. Nicht neben Jelinek, deren Werk ich Quatsch genannt habe und mit jedem Tag, den ich tot bin, weniger zurücknehme. Auch nicht neben Christa Wolf, mit der ich ein langes und unerfreuliches Verhältnis hatte. Wenn Sie meine Strenge schätzen, junger Mann, schätzen Sie auch meine Auswahlkriterien.

Ich war zu Lebzeiten, und ich bleibe im Tode, was man mir oft vorgeworfen hat: ein Chauvinist der deutschen Literatur. Ich gestehe es ohne Reue. Ich habe für Goethe gelebt und für Thomas Mann gestritten und für Fontane geschwärmt und für Kleist geweint. Wollen Sie, dass ich neben jemandem stehe, dann stellen Sie mich neben die. Aber bringen Sie etwas mit, junger Mann. Bringen Sie ein Buch mit, das die Mühe wert ist. Sie haben es noch nicht geschrieben. Schreiben Sie es.

— Marchel Ritch-Ranitski, im Feuilleton der Untoten

Replik des Autors

An Ritch-Ranitski.

Antwort des Autors auf das Feedback aus dem Feuilleton der Untoten — über Pantheon, Bibliothek, Geschoss und drei unabgeschlossene Manuskripte.

Sehr geehrter, sehr verstorbener, sehr unentwegt eloquenter Herr Ritch-Ranitski. Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen aufrichtig, und ich danke Ihnen in jener doppelten Schicht des Dankes, in der einerseits die professionelle Schmeichelei mitschwingt, dass ein Toter Ihres Ranges sich überhaupt herabgelassen hat, drei Stunden seines posthumen Tages an meinem Manuskript zu verlieren, und in der andererseits die echte Dankbarkeit liegt, dass Sie mir, im Verriss, ein konkretes Lob zugestanden haben, dessen Konkretheit, Sie wissen es, in Ihrem Werk seltener vorkam als die Vernichtung, was die Vernichtung Ihrer Sätze über meine Sätze nur umso schmerzhafter und für die Werbestrategie meines noch nicht existierenden Verlages umso wertvoller macht.

Sie wissen, mit Verlaub, dass ich Kritik persönlich nehme. Sie haben es selbst notiert, und Sie haben recht. Aber, alter Mann, Sie nehmen Kritik auch persönlich. Sie haben sie ein Leben lang persönlich genommen, Sie haben darüber Bücher geschrieben, Sie haben im Quartett gegen Personen gewettert, nicht gegen Sätze, und Sie haben nach Ihrem Tod den Anstand gehabt, sich nicht damit herauszureden, das sei alles immer rein literarisch gemeint gewesen. Und alle Schriftsteller, die Sie kennen, nehmen Kritik persönlich. Es gibt keinen Schriftsteller, der Kritik nicht persönlich nimmt. Wer Kritik nicht persönlich nimmt, ist Buchhalter und nicht Schriftsteller, und der einzige Unterschied zwischen einem Schriftsteller und einem Buchhalter ist, dass der Schriftsteller bei der nächsten Kritik weiterschreibt, während der Buchhalter beim nächsten Audit einfach die Spalte wechselt. Genau darum, sehr verstorbener Herr Ritch-Ranitski, möchte ich Literat sein, weil man, ich sage man und meine die Frauen und die Psychologen und die Hauptcomputer-Spezialisten und die Hobby-Ingenieure und am Ende, wenn nichts mehr hilft, auch noch die Vorstandsmitglieder einer Wohnbaugenossenschaft, mich seit etwa vierzig Jahren wissen lassen, ich könne mit Kritik nicht umgehen. Ich kann es tatsächlich nicht. Aber Schriftsteller zu sein bedeutet, mit dem nicht umgehen zu können, was man am wenigsten ertragen kann, und genau dies aufzuschreiben. Beim Schriftsteller, sei er noch so schlecht, gehört es zum ihn auszeichnenden Habitus, dass er die Kritik einsteckt, heimgeht, ein Glas Wein trinkt, das nächste Manuskript anfängt, und in dieses nächste Manuskript jenen Kritiker als Figur einbaut, den er gleichzeitig fürchtet und braucht. Das, alter Mann, habe ich gemacht. Mit Ihnen.

Eine Anmerkung am Rande zu Ihrer Untoten-Galerie. Sie verbieten mir, mit jener Strenge, die Sie sich als Lebensberuf gewählt haben, die Nachbarschaft zu Walser. Aus welchen Gründen, fragt der noch nicht ganz so alte Mann den schon ganz toten? Aus den bekannten — Briefkasten, neunundneunziger Brief, drei Jahre dazwischen Vorlesungen. Das sind keine literarischen Gründe, das sind Beleidigungs-Gründe. Sie waren beleidigt, Walser war beleidigt, am Ende waren beide beleidigt, und beide hatten recht, was in einem Beleidigungs-Streit zwischen zwei Beleidigten allerdings methodisch nicht überrascht. Aber, alter Mann, ein Verbot der Nachbarschaft aufgrund einer alten Beleidigung ist keine Auswahlkriterien-Strenge, das ist Eitelkeit mit Postskriptum. Wenn ich mich erdreiste, Sie einmal — einmal — ans Pult zu rufen, dann reservieren Sie sich nicht das Recht, sich auszusuchen, wer im Saal sitzt. Im Saal sitzen die, die da sind. Walser ist da. Sie sind auch da. Setzen Sie sich, oder gehen Sie, das ist Ihre Entscheidung, aber kommen Sie mir nicht mit dem Sitzplan.

Den Sitzplan, alter Mann, machen Sie nicht. Den mache ich. Eine Klärung gleich hier, weil ich sehe, dass Sie sich, in der posthumen Geduld, noch immer für die Instanz halten, die ihn macht. Das tun Sie nicht. Sie sitzen in meinem Pantheon der Toten an der Stelle, an die ich Sie setze — und zwar genau an dieser, nicht an einer anderen, und Verschiebungswünsche werden, in der Tradition der diktatorischen Klarheit, die ich mir in der Reha angeeignet habe, zurückgewiesen. Sie können sich räuspern, Sie können sich beschweren, Sie können mit der posthumen Empörung Ihres Standes drohen — alles wirkungslos, alter Mann, weil die Toten am Sitzplan nichts mehr ändern, das ist ihr Nachteil und mein einziger Vorteil.

Und damit Sie sich vorstellen können, wovon ich rede, berichte ich Ihnen eine kleine Boshaftigkeit aus meiner kleinen Bibliothek, die mehrere hundert Bücher umfasst, wie ich Ihnen vier Mal pro Fragment mitteile. Ja, alter Mann, spotten Sie nur über das Erwähnen meiner Bibliothek. Ich weiß, dass Sie mehr Bücher gelesen haben. Woher? Ich erinnere mich an einen Fernsehbericht über Sie, gedreht in Ihrer Wohnung, und ich erinnere mich, wie schön Sie sich inszeniert haben, vor Ihren Schau-Bücherwänden, mit jenen rückenbedruckten Reihen, die sich für die Kamera so vorteilhaft hinter dem Gesprächspartner aufbauen lassen, weil jede Buchwand, sobald die Kamera läuft, nicht mehr Bibliothek ist, sondern Bühnenbild. Bravo, alter Mann, Bravo. Es war beeindruckend. Es war gut komponiert. Es war eine Inszenierung von solcher Selbstverständlichkeit, dass kein Zuschauer auf die Idee gekommen wäre, zu fragen, ob Sie die Bücher dahinter alle gelesen oder nur dahingestellt hätten — was die eigentliche Leistung Ihrer Bücherwand-Inszenierung war, weil die Frage gar nicht erst aufkam, weil das Bühnenbild die Frage absorbierte, ehe sie gestellt werden konnte. Ich, alter Mann, habe keine Bücherwand. Ich habe ein Regal. Mehrere hundert Bücher. Es reicht für mich, es reicht für die Boshaftigkeit, die ich Ihnen jetzt vortragen werde, und es reicht für das Sortieren, das die eigentliche literarische Tätigkeit eines Lesers ist, im Unterschied zum Zur-Schau-Stellen, das die literarische Tätigkeit eines Fernsehkritikers ist.

Sie stehen in dieser Bibliothek, alter Freund — und ich sage alter Freund, weil wir, ob es uns passt oder nicht, einen gewissen Grad an Vertrautheit erreicht haben —, und Sie stehen an einem ganz besonderen Platz. Es ist Ihre Autobiographie. Jene Autobiographie, die Sie selbst über sich geschrieben haben und von der ich, ich gestehe es, enttäuscht war, weil sie nicht hielt, was Ihre Quartetts-Auftritte versprochen hatten. Sie steht im Regal nicht etwa bei den literarischen Memoiren, dort wo Canetti und Sebald hingehören. Sie steht in der Abteilung, die ich, mit jener taxonomischen Bosheit, die ich ihr widme, die Selbstgeschriebenen nenne — also bei jenen Lebensbeschreibungen, die deshalb die schlimmsten sind, weil ihre Autoren keine Distanz zu sich selbst aufbringen konnten. Sie stehen, alter Mann, neben Michelle Obama. Sie stehen neben Hillary Clinton. Sie stehen, das gebe ich zu, in respektabler Gesellschaft, was den Verkaufserfolg angeht, und in fragwürdiger, was die literarische Substanz betrifft.

Links und rechts neben Ihnen stehen also zwei Frauen, alter Freund, zwei nicht ganz kleine Frauen im Übrigen, die First Lady und die Senatorin, die Außenministerin, die Präsidentschaftskandidatin, Frauen mit Biographien, mit Mandaten, mit Apparaten, mit Geheimdiensten in der Klingelanlage. Und Sie, alter Chauvinist, wissen genau, was zu tun ist. Sie kennen die Lage. Ich sage es Ihnen, und ich meine es gut: führen Sie das intellektuelle Gespräch. Streben Sie die distanzierte Freundschaft zu Ihren Nachbarinnen an. Sie wissen ja, alter Freund, was das ist, das intellektuelle Gespräch und die distanzierte Freundschaft, Sie haben mir diese beiden Konzepte in meinem Manuskript so umfassend angekreidet, dass ich Ihnen, jetzt, im posthumen Ernstfall des Bibliotheks-Sitzplans, mit gutem Gewissen empfehlen kann, was Sie an mir nicht ausstehen konnten: Distanz, Höflichkeit, intellektuelle Konversation, und vor allem: keine Berührung, keine schlaflose Nacht, kein Satz, den einer der drei nicht sagen kann. Sie kommen in dieser Konstellation hervorragend zurecht, alter Mann, ich bin mir sicher. Eine kleine Übung in der Disziplin, die Sie mir abgesprochen haben — vielleicht erweist sie sich als die Disziplin, die Sie selbst brauchen, jetzt, da Sie nicht mehr ausweichen können, weil das Regal, anders als das Quartett, keine Werbepause kennt.

Über diesen drei Bänden liegt eine vierte, quer aufgelegt wie ein Deckel: die Hitler-Biographie, geschrieben von einem Hobby-Psychologen, dessen Namen ich Ihnen nicht nenne, damit der Mann nicht durch die bloße Erwähnung in einem Werk wie meinem an Ehre gewinnt, die ihm nicht zusteht. Quer drüber, alter Mann. Wie ein Sargdeckel. Sie verstehen die Anordnung. Und hinter Ihnen, an der Wand, also im Rücken, dort, wo Sie sich nicht hinsehen können, ohne den Hals zu drehen, was Sie posthum nicht mehr können — hinter Ihnen steht die Guido-Knopp-Mauer. Eine geschlossene Phalanx aus jenen Geschichts-Bänden, die in den späten neunziger und frühen zweitausender Jahren die deutsche Vergangenheit für das Vorabend-Programm aufbereitet haben, mit dramatisierter Musik, mit O-Ton-Schnitten, mit ergrauten Zeitzeugen, die zwei Jahrzehnte zu spät noch einmal gefragt wurden, was sie vor sechzig Jahren gesehen hatten. Eine Mauer, alter Mann. Eine ganze Wand. Sie haben es gut, Sie sehen sie nicht. Aber Sie wissen, dass sie da ist.

Und während Sie sich, alter Mann, einer Ihrer Nachbarinnen zuwenden — entscheiden Sie sich frei, ich habe in dieser Frage keine Präferenz, beide sind, wie wir sahen, von respektablem Format —, falls Sie mir, in dieser Zeit, noch länger frech kommen, alter Freund, dann versperre ich Ihnen den Weg nach vorne mit Christa Wolf — von hinten haben Sie ja ohnehin schon die Guido-Knopp-Mauer, die ich, das nehme ich vorweg, nicht abbaue, weil sie zur Lehre gehört, die Sie aus dieser Konstellation ziehen sollen, und weil eine Mauer, einmal aufgestellt, nicht aus pädagogischen Erwägungen wieder einzureißen ist. Christa Wolf vorne, Knopp hinten, Hillary links, Michelle rechts — Sie sehen, alter Freund, die Anordnung schließt sich, und es bleibt Ihnen kein Weg mehr außer dem nach innen, der, wenn ich Ihre Quartetts-Auftritte richtig in Erinnerung habe, der Weg ist, den Sie zeitlebens am wenigsten gegangen sind.

Aber kehren wir, alter Freund, vom Pantheon zur Substanz des Verrisses zurück. Zu Bernhard, alter Mann, haben Sie recht — und Ihre Begründung ist falsch. Sie haben recht, dass ich Bernhard imitiere, dass ich seine Tonart trage wie einen zu großen Mantel, und Sie haben recht, dass der Mantel an einem Vierfach-Amputierten noch lächerlicher sitzt als an einem ungeschädigten Träger. Den Spiegel halte ich aus, ich habe ihn mir selbst hingestellt. Aber Ihre Begründung, ich kostümiere die Wahrheit als Literatur, weil ich mich vor dem Sachbuch drücke, ist eine Begründung aus der Schule des Sozialarbeiters, nicht aus der Schule des Kritikers. Mit Anfang zwanzig stand ich vor der Studienwahl. Ich habe lange gedacht, Biochemie sei das Richtige, weil ich aus dem Labor kam und weil ich gerne Bakterien zugesehen habe, wie sie wuchsen, was ein Vergnügen ist, das sich nur schwer vermitteln lässt. Aber dann, alter Mann, kamen die Jahre, in denen ich nicht im Praktikum war, sondern in der Anstellung als Laborant, einige Jahre lang, in einem amerikanischen Labor — und zwar nicht im Keller, wo die Promovierten standen, sondern auf der Teppichetage, in jener Zwischenstellung, die das System für Leute reserviert, die aus Sicht ihrer Vorgesetzten zu gebildet sind, um sie unten arbeiten zu lassen, und aus Sicht des Systems noch zu wenig gebildet, um sie regulär nach oben zu lassen, weil ihnen der akademische Abschluss fehlt. Sie wissen, was ich meine, alter Freund, Sie haben diese Zwischenstellung Ihr Leben lang besetzt und literarisch profitabel verwaltet, und es wird Sie nicht überraschen, dass auch ich sie kenne, von der anderen Seite, von der naturwissenschaftlichen, weniger glamourös als die Ihre, aber strukturell identisch. Auf dieser Teppichetage, alter Freund, sah ich Tag für Tag die promovierten deutschen Biochemiker, die Wirtschaftsflüchtlinge der Akademia, wie ich sie heute nenne, mit ihrem Lohn, der für ein Butterbrot reichte, und mit ihrer Zukunft, die für gar nichts reichte. Ich, der Laborant ohne Doktortitel, verdiente mehr als sie, die Promovierten mit Doktortitel. Ich, ohne akademische Aussicht, hatte mehr Aussicht als sie, mit der ganzen akademischen Infrastruktur in der Hand. Das war, alter Mann, nicht eine Beobachtung aus einem Praktikumsjahr, das war die strukturelle Erkenntnis von Jahren in der Anstellung, und sie hat sich, wie es solche Erkenntnisse so an sich haben, ins Knochenmark eingeschrieben. In jenen Jahren wusste ich, noch nicht als Ökonom, aber bereits als homo oeconomicus, der ich von Geburt war, dass ich nicht zu denen gehören würde. Ich wurde Ökonom. Aus Vernunft, aus Berechnung, aus jener Nüchternheit, die ein junger Mann manchmal hat und die ihm später meistens abhandenkommt. Bernhard ist nicht meine Kostümierung der Wahrheit, alter Mann. Bernhard ist die einzige literarische Tonart, in der ein Ökonom über sich selbst schreiben kann, ohne sich selbst zu langweilen. Das ist ein Unterschied. Den müssen Sie noch lernen, im Feuilleton der Untoten. Sie haben Zeit.

Und nun, alter Mann, die unangenehmste Frage, weil ich sie ungern stelle, aber Sie haben sie sich verdient. Haben Sie Bernhards Briefwechsel mit Unseld vergessen, oder haben Sie ihn nicht gelesen? Beides wäre, in Ihrem Falle, ein unverzeihlicher Fehler. Vergessen, weil ein Kritiker Ihres Ranges sich nicht erlauben darf, zu vergessen. Nicht gelesen, weil ein Kritiker Ihres Ranges sich nicht erlauben darf, etwas nicht gelesen zu haben, was zur Substanz der Bernhard-Werkstatt gehört. Lesen Sie nach, alter Mann, oder erinnern Sie sich, wenn Sie es gelesen haben sollten und es Ihnen nur entfallen ist — auch das verzeihen wir den Toten, in der Tradition der Höflichkeit gegenüber den schwächer werdenden Synapsen. In jenem Briefwechsel werden Sie sehen, wie Bernhard gerungen hat, wie er manipuliert hat, wie er den Verleger zu Vorschüssen erpresst hat, wie er Honorare wie ein Buchhalter und Ehrungen wie ein Ökonom verhandelt hat. Bernhard war, was Sie in Ihrer Romantik des verachtenden Genies nicht wahrhaben wollten, ein ausgesprochen geschäftstüchtiger Mensch. Er war Schriftsteller und Ökonom seiner eigenen Existenz. Er hat das eine nicht gegen das andere ausgespielt, sondern beides gleichzeitig betrieben, mit jener tirolischen Sturheit, die mir, ich gebe es zu, abgeht — und zwar, alter Freund, umso schmerzlicher, als ich ja selbst halber Österreicher bin, genauer gesagt halber Vorarlberger, was, wie Sie wissen, nicht weit von Tirol entfernt liegt, geographisch gesehen ein Tal weiter und ein Bergstock dazwischen, kulturell gesehen, in der Beobachtung des Landeskenners, derselbe alpine Eigensinn mit nur leicht verschobener Aussprache und leicht verschobener Theatergeschichte. Die Sturheit, alter Freund, müsste mir also, in der biographischen Erbfolge, zustehen. Aber sie steht mir nicht zu, das ist die Pointe der gemischten Herkunft: die schweizerische Hälfte, die in mir sitzt, hat die vorarlbergische Sturheit so weit relativiert, dass am Ende ein Berater übrigbleibt, der zu allen Seiten höflich ist und dafür weder die schreibende noch die ökonomische Stringenz seines tirolischen Vorbilds erreicht. Bernhard hätte sich, das nehme ich an, über diese Hybridform lustig gemacht. Sie auch. Ich nehme die Häme an und schreibe weiter. Wenn ich also, alter Mann, mich an Bernhard orientiere, dann nicht aus Imitation der Tonart, sondern aus Anerkennung der Doppelexistenz: Schreiben und Geld verdienen, Verachten und Verhandeln, Verzweifeln und am nächsten Morgen den Verleger anrufen.

Und damit, alter Mann, zur Bücher-Frage, die Sie mir mitgegeben haben und der ich nicht ausweichen darf, ohne dass Sie es mir vorwürfen. Sie haben mir, im Verriss, zwei Empfehlungen mitgegeben, deren Reihenfolge in Ihrem Vortrag eskalierend war: erst das Coachingbuch über Resilienz, das Sie mir mit der widerwilligen Anerkennung angetragen haben, ich hätte dafür Material, Marketing und sogar den Habitus. Dann das Sachbuch über die Beratungsindustrie, das Sie mir, in einer mir bisher unwahrscheinlichen Wendung, sogar als notwendig bezeichnet haben. Soll ich also, alter Mann, das Coachingbuch schreiben und Sie damit quälen, vom Feuilleton der Untoten herab zusehen zu müssen, wie Personalvorstände in der dritten Karrierehälfte meine Resilienz-Sätze auf laminierten Karten in der Brusttasche tragen? Oder das Sachbuch, das Sie eigentlich meinten und das Sie mit der vorgespielten Verachtung des Kritikers für den Stoff getarnt haben, um sich nicht den Vorwurf zuzuziehen, einem Schweizer Ökonomen ein deutschsprachiges Standardwerk zugetraut zu haben? Entscheiden Sie sich, alter Mann. Sie haben die Frage aufgeworfen, Sie tragen die Verantwortung.

Wenn Sie sich nicht entscheiden, alter Mann, sage ich Ihnen, was geschieht. Dann nehme ich beide mit. Das Coachingbuch und das Sachbuch. Und den Roman dazu, also alle drei, das Coachingbuch im Schreibtisch, das Sachbuch in der Schublade, den Roman in den Fragmenten, ungeschrieben, halb geschrieben, noch nicht ganz geschrieben, drei unabgeschlossene Manuskripte in drei verschiedenen Tonarten, jede für sich Pose, alle drei zusammen Gesamtwerk, und ich nehme sie mit, wenn ich tot bin, in einer Geste, alter Mann, die Sie zu schätzen wissen werden, weil sie der Ihren in nichts nachsteht: ich gehe, ohne zu liefern. Aber doch, alter Freund, mit einem nicht ganz unwesentlichen Unterschied zu Ihrem eigenen literarischen Auszug: ich bringe nämlich ein Buch mit, das ich tatsächlich geschrieben und tatsächlich abgeschlossen habe, kein literarisches, ich gebe es zu, sondern ein wissenschaftliches — meine Dissertation, Geschäftsmodelle für das Service-Wohnen, 2013 an der Universität St. Gallen eingereicht, vom Doktorvater angenommen, von der Fakultät benotet, vom Verlag gedruckt, von der Bibliothek katalogisiert, in der Welt also tatsächlich existent, mit ISBN, mit Seitenzahl, mit den fünfhundert Verweisen auf den Stand der Forschung, die ein wissenschaftliches Werk eben aufzuweisen hat, ehe die Fakultät ihm das Doktorat verleiht. Sie können dann, im Feuilleton der Untoten, drei Manuskripte im Konditional besprechen, drei Bücher, die nie geworden sind, drei Werke im Werden, die im Werden geblieben sind, was, mit Verlaub, die einzige Form ist, in der ein Werk im Werden seine Form behält. Und Sie können, neben den dreien im Konditional, ein bestehendes Buch besprechen, das Sie nicht interessiert und das Sie deshalb, alter Mann, nicht verstehen wollen und per se ablehnen, weil ein wissenschaftlicher Text über Geschäftsmodelle für ältere Menschen in der Standes-Hierarchie des Feuilletons, die Sie zeitlebens verwaltet haben, weiter unten steht als jeder noch so misslungene Roman, was, mit Verlaub, der eigentliche Skandal Ihres Berufsstandes ist und nicht das Versagen meines: dass ein Standardwerk der Service-Wohnen-Ökonomie in Ihrem Untoten-Stammtisch keine Kuchengabel wert ist, während ein halbgeschriebener Roman, sobald er im Bernhard-Ton murmelt, in voller Quartetts-Länge debattiert wird.

Drei Geschosse hatte ich Ihnen ursprünglich zur Wahl stellen wollen, drei Bücher, eines literarischer Natur, eines ökonomischer, eines managementtheoretischer. Walser kommt in Frage, ja, Walser, den ich, im Unterschied zu Ihnen, mag, mit dem ich keinen Briefwechselstreit hatte, weil ich neunundneunzig noch nicht erwachsen war und keinen funktionierenden Briefkasten besaß — Walser ist ein Geschoss, das säße, weil es die alte Wunde des Briefkastens wieder aufreißen würde, die nie verheilt ist und die ich, mit literarischer Diskretion, lieber unaufgerissen lasse, weniger aus Schonung Ihrer posthumen Verfassung als aus Schonung Walsers, dem ich, im Unterschied zu Ihnen, eine zweite Verteidigungsschlacht in einem Hertensteiner Regal nicht zumuten möchte. Mankiw kommt in Frage, der amerikanische Standardlehrbuch-Ökonom, an dem Generationen von BWL-Studenten ihre erste mikrotheoretische Verwirrung kuriert haben — ein Buch, alter Freund, an dem ich persönlich, das gestehe ich gern, das Differential und das Integral vertieft habe, nicht weil Mankiw es lehrt, sondern weil man bei der Lektüre seiner Lehrbücher gelegentlich aus reinem Selbstschutz auf die mathematische Anhang-Seite flüchtet, wo die Substanz wenigstens präzise falsch ist statt prosaisch falsch. An dem ich, das gestehe ich auch gern, ferner den Standardwitz der Volkswirtschaftslehre kennengelernt habe — den von der Indifferenzwolke, wie sie der vorgerückte Mikroökonom nennt: nämlich die Vorstellung, dass jenes saubere, parallele Kurvenbündel, das uns die Lehrbücher mit der eleganten Sicherheit eines geometrischen Beweises vorlegen, in der Wirklichkeit eines wirklichen Konsumenten in einem wirklichen Supermarkt regelmäßig zu einer ungeordneten Wolke kollabiert, weil der Konsument, anders als das Lehrbuch, nicht weiß, was er bevorzugt, weil er es zwischen Tomaten und Mozzarella nie zu bevorzugen hatte, sondern beides zugleich bevorzugt, was die mathematische Modellierung als Inkonsistenz markiert und der echte Mensch als Mittagessen. Ein nützlicher Witz, alter Freund, weil er die ganze ökonomische Profession in einer einzigen Wolke versammelt und dort hängenlässt, ohne sie aufzuschlagen. Und wenn auch Sie, alter Freund, den Witz verstanden haben — was ich nicht ausschließen will, obwohl es sich, mit Verlaub, der Verstehens-Wahrscheinlichkeit eines Literaten gegenüber einem Ökonomen-Witz an den unteren Rand der Skala bewegt —, dann haben Sie wenigstens etwas zum Lachen und können ihn Ihren Literatur-Freunden erzählen, dort drüben im Feuilleton der Untoten, an Ihrem Stammtisch, an dem Sie sonst, ich nehme es stark an, in der posthumen Klage darüber sitzen, dass die Lebenden Sie nicht mehr anrufen. Und der eine, der Sie noch anruft, alter Freund, der fünfundvierzigjährige schlechte Ökonom aus Hertenstein, der ist Ihnen ja auch nicht recht, ich weiß, ich weiß, das gehört zur Logik unserer einseitigen Freundschaft, in der Sie sich beklagen, vergessen zu sein, und sich gleichzeitig beklagen, von dem einen, der nicht vergisst, angerufen zu werden. Aber Mankiw bleibt ein Geschoss, alter Freund, das Sie zwar erreichte, aber nicht ehrte; ich verzichte darauf. Das St. Galler Management-Modell, das schweizerische Pendant zur ökonomischen Selbstvergewisserung, mit seinen Umweltsphären, Anspruchsgruppen, Ordnungsmomenten, Prozessen, in einer Komplexität, die alle Komplexität abbildet und keine löst — auch auf dieses Geschoss verzichte ich, weil es Sie zwar erschöpft, aber nicht trifft.

Und damit wir es schon erledigen, alter Mann, ehe Sie das Postskriptum schreiben, das Sie ohnehin schreiben werden — ja, ich kenne den Vorwurf, ja, ich nehme ihn vorweg, ja, ich sage es selbst: ich lasse mich von der schweizerischen Sozialversicherungslandschaft aushalten. Stimmt. Aber, alter Mann, im Unterschied zu Ihnen und im Unterschied zu Ihrem tirolischen Schutzheiligen, dem ich oben Reverenz erwiesen habe, habe ich es nicht gewählt. Sie hatten Ihre Bertha. Bernhard hatte seine Hedwig, die er, wie Sie wissen, Tante genannt hat — Stavianicek, die 36 Jahre älter war, die ihn jahrzehntelang finanziert hat, in deren Wohnung in der Obkirchergasse er die Frost-Manuskripte schrieb, und der er, eigene Worte, mehr oder weniger alles verdankt. Lebensmensch. Schönes Wort. Eines, das die Buchhaltung in Sentiment verkleidet. Sie beide haben sich Ihre Ausgehaltenwerden-Konstellationen ausgesucht, mit der Sorgfalt, mit der ein Ökonom eine Anlageklasse selektiert, und Sie haben dann ein Leben lang behauptet, es sei reine Wahlverwandtschaft gewesen, reine Geistesfreundschaft, rein literarische Förderung, während die Buchhaltung mitlief und Sie das wussten und Ihre Tanten es auch wussten und die Welt es ohnehin wusste. Ich, junger Mann, habe meine Sepsis nicht gewählt. Ich habe meine Amputationen nicht gewählt. Ich habe die schweizerische Sozialversicherungslandschaft nicht gewählt; sie hat mich gewählt, beziehungsweise sie ist da, weil eine Volksabstimmung sie da haben wollte, und ich nutze sie, weil es die einzige Tante ist, die mir in dieser Lage zur Verfügung steht. Sie ist nicht 36 Jahre älter, sie hat keine Wohnung in Döbling, sie schreibt mir keine Briefe, sie liest meine Manuskripte nicht, sie ist nicht mehr oder weniger alles, sie ist eine bürokratische Instanz mit einem Briefkopf des Bundesamts für Sozialversicherungen. Aber sie zahlt, das gebe ich zu, und ohne sie säße ich nicht hier und schriebe Ihnen, alter Mann, diese Zeilen, sondern ich säße in einem Pflegeheim in einem ostschweizerischen Tal und würde versuchen, mit den Resten meiner Hände den Knopf an der Klingel zu drücken. Das ist der Unterschied, alter Mann. Sie haben sich Ihre Tanten gesucht. Mir ist meine zugefallen. Vielleicht ist das die ehrlichere Form der Abhängigkeit. Vielleicht aber auch nur die unattraktivere. Beides lasse ich offen, weil ich, im Unterschied zu Ihnen, es mir nicht leisten kann, in dieser Frage die Eitelkeit zu pflegen.

Und damit Sie es wissen, alter Freund, ehe Sie sich, wie Sie es gewohnt sind, beleidigt zurückziehen: ich werde nur persönlich, weil Sie es geworden sind. Nicht ich habe die Bertha ins Spiel gebracht, nicht ich habe die Hedwig ins Spiel gebracht, nicht ich habe mir den Sitzplan gewünscht. Sie haben angefangen, ich habe geantwortet, und dass die Antwort schärfer ausfiel als die Anfrage, ist die literarische Logik der späten Replik, nicht meine Bosheit. Und wenn doch, dann, alter Freund, habe ich diese Bosheit von Ihnen gelernt — und von euch eitlen sogenannten Literaten überhaupt, die ihr seit Jahrhunderten die Anständigen niedergeschrieben habt, mit Wendungen, mit Pointen, mit jener präzisen Grausamkeit, die ihr literarische Schärfe nennt, weil das Wort Niedertracht euch zu wenig schmeicheln würde. Ich bin Ihr Schüler in diesem Fach, ob Sie es wollen oder nicht, und Sie können mir, wenn Sie mich für bösartig halten, den Vorwurf nur halb machen, weil die andere Hälfte auf Ihr Konto geht. Und apropos Konto, alter Freund, eine kleine Erläuterung, die ich Ihnen bislang schuldig geblieben bin, weil ich sie für selbsterklärend hielt, was, wie ich inzwischen sehe, ein Irrtum war. Meine Schreibung Ihres Namens — Ritch-Ranitski, mit jenem englischen Rich in der Mitte, das in Ihrer ursprünglichen Schreibung nicht vorkommt und das ich Ihnen, in der freien Verfügung, die der lebende Autor über den toten Kritiker hat, einverleibt habe — ist keine orthographische Schlamperei. Es ist eine Reminiszenz an Ihr Ökonomen-Ich, alter Freund. An jenes verschwiegene Konto, das Sie ein Leben lang gepflegt haben, mit den Vorschüssen, mit den Honoraren, mit den Tantiemen Ihrer Quartetts-Auftritte, mit den Buchverkäufen Ihrer Selbstgeschriebenen, mit den Werbeeinnahmen Ihrer Schau-Bücherwände. Rich Ranitski. Reich-Ranicki, der reich gewordene Ranicki, der posthume Buchhalter seiner eigenen Wirkung, dessen Konto die einzige Buchführung ist, die in Ihrer Bilanz ehrlich ist, weil dort die Zahlen stehen, die nicht lügen können, im Unterschied zu den Sätzen, die Sie über andere geschrieben haben. Sie sind, alter Freund, ein Ökonom gewesen, und ich, ich gestehe es, mag Sie dafür ein bisschen mehr, als ich Sie für Ihren Verriss meines Manuskripts hassen sollte.

Ich habe, mit Verlaub, schon genug am Hals — leider keine Frau, was Sie sich natürlich bereits vorgestellt haben werden, alter Freund, mit jenem leisen Spott, den Sie für die Liebenswürdigkeiten des Schicksals immer übrig hatten, und ich erspare Ihnen die Bestätigung nicht: nein, keine Frau, nicht im Reha-Zimmer, nicht in der Hertensteiner Wohnung, nicht in der Schublade, nirgends, nicht einmal die distanzierte Freundin, von der ich Ihnen vor ein paar hundert Sätzen erzählt habe und die Sie zu einem ganzen Roman aufgeblasen haben wollten, hat sich, im realen biographischen Verlauf, zu mehr als einer telefonischen Konversation alle paar Monate entwickelt, was ich, mit jener nüchternen Höflichkeit, die mir nach dem Aufwachen aus dem Koma als einzige Tonart noch zur Verfügung steht, dankbar zur Kenntnis nehme, ohne weitere Forderungen anzumelden.

Aber, alter Freund, ich übertreibe, und Übertreibung ist, mit Verlaub, die zweitschlimmste Pose nach der Pose selbst. Ich nehme die Untertreibung sofort zurück. Es gibt, ich gestehe es zähneknirschend, Personen. Es gibt da die Nicht-mehr-Meine, von der ich Ihnen in einem der nächsten Fragmente erzählen werde, mit jener rückblickenden Genauigkeit, die in der Distanz möglich wird und die in der Nähe nie möglich war. Es gibt die junge polnische Hexe in der Reha, von der ich Ihnen ebenfalls erzählen werde, in jener Tonart der Bewunderung und der Beunruhigung zugleich, die ein Vierfach-Amputierter empfindet, wenn ihn eine Frau mit Akzent und Gewissheit anschaut, als wüsste sie über ihn etwas, was er selbst nicht weiß. Es gibt die Ärztin, die mich, Originalton, als ihren pflegeleichtesten Patienten taxiert hat, mit einer Wärme in der Stimme, die mich für meinen Stoizismus, Originalton, bewundert und in die ich nun, das gestehe ich Ihnen unter dem Siegel der posthumen Verschwiegenheit, wenigstens ein bisschen verliebt bin, mit jenem bisschen, das in der Lage eines Mannes wie mir die einzige Mengenangabe ist, die noch zulässig erscheint. Und es gibt die hübsche Pflegerin, die mich zu Hause besucht hat — und damit, alter Freund, scheinen Sie ja, wenn ich Ihre nicht ausgesprochene, aber deutlich vernehmbare Reaktion richtig deute, immer noch an Erotik interessiert zu sein, was Sie ehrt und was zugleich, mit Verlaub, eine kleine anatomische Asymmetrie zwischen uns markiert, da mir die Sexualität, im Übrigen, abhandengekommen ist, mit der Sepsis, mit den Amputationen, mit dem Wiederaufwachen aus dem Koma, in einer mir bisher nicht restlos erklärten Verschiebung der Prioritäten meines Körpers, der mir, anstatt das Verlangen, jetzt die Logistik des Verlangens als Hauptbeschäftigung anbietet. Aber das ist, alter Freund, ja ohnehin selten das gleiche, das eine und das andere, die Erotik und die Sexualität, und Sie wissen das wahrscheinlich besser als ich, weil Sie als Fernsehkritiker zeitlebens in einem Beruf gearbeitet haben, in dem die Erotik den Rang einer Berufsqualifikation hatte, während die Sexualität, soweit ich Ihre Auftritte richtig in Erinnerung habe, gar nicht erst in der Stellenbeschreibung vorkam. In dieser Hinsicht, alter Freund, sind wir uns also gar nicht so unähnlich, wie Sie es gerne hätten: ich habe, was ich gehabt habe, jetzt nicht mehr, Sie haben, was Sie gehabt haben, posthum, gar nicht mehr, und beides läuft auf dieselbe Aussparung hinaus, mit dem Unterschied, dass ich für meine Aussparung eine körperliche Erklärung habe und Sie für die Ihre eine kulturkritische, was beides, mit Verlaub, in der Endabrechnung den gleichen Wert hat. Unser Trost, alter Freund, bleibt eingestandenermaßen klein, aber er reicht: Sie bleiben Verbalerotiker, im posthumen Vollerwerb, mit jener selbstverständlichen Pose, die der Beruf Ihnen über ein halbes Jahrhundert hinweg in den Tonfall gegossen hat — und ich, ja, ich werde vielleicht noch einer, im allmählichen Hineinwachsen in die einzige Erotik, die ein Vierfach-Amputierter unter den gegebenen Umständen entwickeln kann, die der Wörter, der Wendungen, der Sätze, die im Kopf jemandem etwas tun, was die Hände nicht mehr tun und die übrigen Glieder ohnehin nicht mehr in Frage kommen. Die Pflegerin jedenfalls hat, in der schlichten dienstlichen Selbstverständlichkeit, in der eine Pflegekraft eine Wohnung betritt, ohne zu wissen, dass sie damit einen Raum betritt, in dem sie hübsch ist, was eine Pflegekraft niemals wissen darf, weil das Wissen um die eigene Hübschheit den Pflegevorgang in eine ganz andere Operation verwandeln würde, was wir, alter Freund, beide nicht wollen, weder Sie als Toter noch ich als Patient. Und es gibt, das ist die wichtigste der bislang verschwiegenen Personen, meinen Sohn, von dem ich Ihnen, alter Freund, noch nichts erzählt habe, weil das, was über ihn zu sagen wäre, die Form des Fragments noch nicht gefunden hat — was, mit Verlaub, das einzig Wesentliche an ihm ist, dass er die Form, in der ich ihn schreiben könnte, mir noch nicht zur Verfügung gestellt hat.

Haben Sie Geduld, alter Mann. Ja, ich kündige sie an, all diese Personen, in den nächsten Fragmenten, im Wissen darum, dass Sie als ungeduldiger Mensch enttäuscht sind, weil die Ankündigung in Ihrer Tradition als die ärgerlichste Form der literarischen Versprechung gilt, das Aufschieben als die unverzeihlichste, das Stückeln als das eitelste. Ich gebe es zu, ich kündige an, ich schiebe auf, ich stückle. Aber, alter Freund, gehen Sie ein Jahr in die Reha, dann lernen Sie Geduld. Lernen Sie, was es heißt, drei Stunden auf eine Pflegerin zu warten, die im Nebenzimmer einen Kollegen abdeckt. Lernen Sie, was es heißt, sechs Wochen auf eine Prothesen-Anpassung zu warten, die in der Modellierungs-Werkstatt in Genf hängt, weil die Kollegin krank ist. Lernen Sie, was es heißt, ein Jahr lang darauf zu warten, dass das eigene Gehen wieder einsetzt, in jener mühsamen Stufung, die mit dem ersten Aufrichten am Bettrand beginnt und mit dem ersten Tritt auf den Hertensteiner Steinboden noch lange nicht endet. Geduld, alter Mann, ist eine Disziplin, die Sie, im Quartett, im Feuilleton, in der posthumen Untoten-Konstellation, nie zu lernen brauchten, weil Sie sich Ihre Geduld mit der Sendezeit eingerichtet haben. In der Reha gibt es keine Sendezeit. In der Reha gibt es nur die Wartezeit, und die Wartezeit, alter Freund, ist die einzige Lehrerin der Geduld, die diesen Namen verdient.

Also: halten Sie mich, mit Verlaub, mit dem hier nicht vom Schreiben des Romans ab. Ich habe schon genug am Hals. Drei Manuskripte, eine Reha, eine Pflege, eine Sozialversicherungslandschaft, die Briefe schreibt, eine Assessorin, die nicht anruft, eine Nicht-mehr-Meine, die nicht schweigt, eine fünfundzwanzigjährige polnische Hexe, die mich anschaut, eine sehr hübsche Ärztin, die mich für stoisch hält, eine ebenso hübsche Pflegerin, die mich privat besucht, einen Sohn, dem ich noch keine Form gegeben habe, eine kleine Bibliothek, die mehrere hundert Bücher umfasst, und einen toten Kritiker, der in der Wohnung umgeht und mir keine Ruhe lässt. Das reicht für eine Werkstatt. Das reicht für ein Leben. Mehr verlangen Sie nicht von einem Vierfach-Amputierten, der die Hände nicht mehr hat, mit denen er Sie hinausbegleiten könnte.

— Der Autor, in seiner kleinen Bibliothek, die mehrere hundert Bücher umfasst

Teil Drei
Der Autor.
III
Regers Neffe III · Der Autor
Der Autor

Dr. Alain Benz.

Ökonom von Beruf. Autor aus Selbsternennung.

Jahrgang 1980, Schweizer. Wohnhaft in Hertenstein AG, mit einer kleinen Bibliothek.

Interessiert sich für Malerei. Hört Musik und schaut Serien — und hat dafür alle Streamingdienste abonniert.

Dr. Alain Benz im Reha-Zimmer, 2025. Foto: Tim Xaver Fischer.
Im Reha-Zimmer, 2025 Foto: Tim Xaver Fischer

Die Selbstauthorisation.

Ich bezeichne mich seit dem Aufwachen aus dem Koma als Autor, ohne dass mich jemand dazu ernannt hätte. Das ist, mit Verlaub, eine Anmaßung, und sie ist mir bewusst. Ein Autor wird man, im üblichen Verständnis, wenn man ein Buch geschrieben hat, das ein Verlag nimmt, das eine Lektorin liest, das eine Buchhändlerin auslegt, das eine Leserin kauft. Bis dahin ist man, was Bernhard mit der ihm eigenen Genauigkeit beobachtet hat, ein Schreibender — möglicherweise ein Vielschreibender, möglicherweise ein Lautschreibender —, aber nicht Autor. Ich nenne mich trotzdem so. Erstens, weil ich immerhin schon einmal ein wissenschaftliches Buch geschrieben habe, meine Dissertation, und die hatte auch einen Verlag — womit ich die soeben aufgestellte Definition, jedenfalls in einer ihrer Spielarten, bereits erfüllt habe; was fehlt, ist nur noch das Genre. Zweitens aus Höflichkeit gegenüber der Arbeit, die ich gerade tue. Drittens aus dem schlichten Grund, dass mir, Stand jetzt, kein anderes Wort zur Verfügung steht.

Aber ich darf, mit Verlaub, weiter gehen. Grosser Autor möchte ich werden, bei Suhrkamp unter Vertrag. Den Vertrag, das nehme ich vorweg, kann ich unterschreiben. Ich kann sogar einen Vertrag mit meinen Stümpfen unterschreiben, was ich auch bei der mir vorgelegten Kündigung durch meine Arbeitgeberin konnte — eine Tat, die die anwesenden Personen in Staunen versetzt und meine mir bekannte berufliche Existenz mit dieser Unterschrift beendet hat. Was Stümpfe an einer Kündigung leisten konnten, leisten sie, mit Verlaub, auch an einem Verlagsvertrag. Die Frage ist nur, ob ihnen jemand einen vorlegt.

Was mir an realen schriftstellerischen Ausweisen vorliegt, ist eine Dissertation, 2013 an der Universität St. Gallen eingereicht und vom Doktorvater angenommen, mit ISBN, mit Seitenzahl, mit fünfhundert Verweisen auf den Stand der Forschung. Sie heißt Geschäftsmodelle für das Service-Wohnen. Sie ist kein Roman, sie ist nicht einmal in der Nähe eines Romans, sie ist ein wissenschaftliches Standardwerk in einer Nische, die niemand außer Eingeweihten kennt — was, mit Verlaub, die ehrlichste Form des Erfolgs ist, die einem Doktoranden zugänglich ist. Davon abgesehen liegen drei unabgeschlossene Manuskripte vor, von denen das wichtigste Regers Neffe heißt und dessen erstes Fragment hier vorgelegt wird. Mehr habe ich nicht. Weniger zu sagen wäre Untertreibung; mehr zu behaupten Hochstapelei.

Was vorher war.

Ich bin 1980 im St. Galler Rheintal aufgewachsen und habe meine berufliche Laufbahn als Biologielaborant bei der eidgenössischen Material-, Prüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) begonnen, mit Bakterien, mit Holzmykologie, mit Abwassertoxikologie, mit jenen Kleinstlebewesen, gegen die ich später selbst keine Abwehr mehr hatte. Das ist, mit Verlaub, kein literarischer Witz, sondern eine biographische Tatsache, die der Roman aufgreifen wird, wenn er fertig ist.

Berufsbegleitend habe ich die Matura nachgeholt und an der Universität St. Gallen Betriebswirtschaftslehre studiert — Bachelor, Master, Doktorat, in der vorgesehenen Reihenfolge, ohne Dramaturgie. Promoviert 2013 bei Prof. Dr. Hubert Österle am Institut für Wirtschaftsinformatik. Danach neun Jahre lang die Theorie der Dissertation operativ umgesetzt: bei der bonacasa AG, dem Schweizer Pionier des Service-Wohnens, später als Geschäftsführer und Mitglied der Geschäftsleitung der bonainvest Holding, ab 2022 als Geschäftsführer der Allgemeinen Baugenossenschaft Zürich, mit hundert Mitarbeitenden und 5500 Wohnungen. Das war eine reale, tragende, mitarbeiter- und mieterintensiv besetzte Tätigkeit. Sie hatte ihren ökonomischen Sinn. Sie war auch das, was den Schreibenden mit Geld versorgte, das er in der Reha später nicht mehr selbst verdienen konnte. Der Schreibende verdankt dem Ökonomen, der er einmal war, mehr als der Roman je zugeben wird.

Die Zäsur.

Ende 2024 hat mich das Thema, das ich Jahre bearbeitet hatte, von der anderen Seite eingeholt. Eine schwere Sepsis, vier Amputationen, ein Jahr Rehabilitation. Seither lebe ich im Rollstuhl, mit Prothesen, mit Pflegeroutinen, mit der schweizerischen Sozialversicherungslandschaft, von der ich an anderer Stelle ausführlich berichte. Das ist keine literarische Pointe. Es ist die Ausgangslage, aus der heraus der Roman entstanden ist.

Was sich verändert hat, ist nicht die Arbeit. Es ist der Ort, von dem aus sie geleistet wird. Vorher saß ich am Schreibtisch und beschrieb Modelle für Menschen, die ich nicht war. Jetzt sitze ich in einer Wohnung in Hertenstein, mit einer Bibliothek, und beschreibe ein Leben, das ich bin. Die Differenz zwischen den beiden Lagen ist die Substanz, aus der das Werk besteht.

Das Schreiben.

Das Schreiben war keine Wahl. Es war das einzige, was nach dem Aufwachen aus dem Koma noch zu tun war, weil die Hände, die operativ tätig hätten sein können, nicht mehr da waren, und weil die Stimme, die diktierend tätig sein konnte, von der Reha durch Wartezeiten, Therapieblöcke und administrative Schreiben zerteilt wurde, in die kein Manuskript paßt. Was bleibt, ist das Manuskript, das man im Kopf trägt, das man mit der Spracheingabe diktiert und das man am Ende in einer literarischen Form ablegt, die das Bernhard-Pendel zwischen Übertreibung und Genauigkeit vorgibt, weil keine andere literarische Form für diesen Stoff verfügbar ist. Wer behauptet, der Bernhard-Ton sei Imitation, hat das Stoff-Problem nicht verstanden. Es ist der einzige zur Verfügung stehende Ton, in dem ein Vierfach-Amputierter, der Doktor der Ökonomie ist, über sich selbst schreiben kann, ohne sich selbst zu langweilen.

Das Profane.

Naturgemäss kann der selbsternannte Autor das Profane nicht lassen. Wer schreibt, muss auch leben, und wer leben will, muss Geld verdienen — eine Tätigkeit, die in der literarischen Tradition gern verschwiegen wird, dabei ist sie, wie der Bernhard-Unseld-Briefwechsel zeigt, der eigentliche Unterstrom jeder literarischen Existenz.

Ich verschweige es nicht. Ich will wieder auf eigene Füsse kommen — was mir körperlich, mit den Prothesen, bereits gelungen ist, und was unternehmerisch noch gelingen soll, weil der Autor, der lebt, mehrere Standbeine braucht, eine Beobachtung, die in meinem Falle eine doppelte Pointe enthält: ein Vierfach-Amputierter, der von Standbeinen spricht, redet von einer Sache, die ihm wörtlich abhandengekommen ist und die er sich nun, in der übertragenen Bedeutung, wieder anschaffen muss.

Ich arbeite, soweit es mein Zustand erlaubt, an meinem Beratungsangebot dralainbenz.ch, das Unternehmen darin berät, ihre Geschäftsmodelle für ältere und körperlich beeinträchtigte Menschen zu öffnen — die Doppelperspektive von Ökonom und Klient, in praktischer Umsetzung, mit dem nicht ganz unwesentlichen Vorteil, dass der Berater diesmal sowohl die Modellseite als auch die Anwendungsseite besetzt, was im Beratungsmarkt selten und im Honorarmarkt nützlich sein wird. Geschäftsmodelle für Wohnen, Inklusion und das, was beide trägt. Die kommerzielle Nebentür, die der literarischen Tür vorgeschaltet ist.

Das unternehmerische Vorhaben dralainbenz.ch läuft parallel zum Schreiben und soll, so der Plan, das Schreiben mitfinanzieren. Es gibt, mit Verlaub, ehrlichere Konstellationen, aber wenige funktionalere — und der Autor, der vorgibt, sie nicht zu haben, ist entweder reich geboren oder erlogen. Ich bin keines von beidem.

Dr. Alain Benz, Porträt 2025. Foto: Tim Xaver Fischer.
Porträt, 2025 Foto: Tim Xaver Fischer
Kontakt
Verlage und Literarisches
alain.benz@regersneffe.ch
Beratung und Unternehmerisches
dralainbenz.ch
Der Autor hat noch keinen Verlag. Alle Anfragen willkommen, besonders von Suhrkamp.
Hinweis

Bei Regers Neffe handelt es sich um ein literarisches Werk. Alle in diesem Werk auftretenden Personen — einschließlich des Erzählers, Regers und Marchel Ritch-Ranitskis — sind Fiktion. Ähnlichkeiten zu lebenden Personen sowie zu Personen der Literaturgeschichte oder des Literaturbetriebs sind als Hommage, literarische Auseinandersetzung oder Karikatur im Sinne der Kunstfreiheit (Art. 21 Bundesverfassung Schweiz / Art. 5 Abs. 3 Grundgesetz) zu verstehen, nicht als biographische Behauptungen über reale, lebende oder verstorbene Personen. Die verwendeten Werktitel und historischen Bezugnahmen erfolgen im Rahmen literarischer Reflexion und des Zitatrechts (Art. 25 URG / § 51 UrhG). Alle Rechte am Manuskript liegen beim Autor, Dr. Alain Benz, Hertenstein AG, Schweiz. © 2026.

regersneffe.ch · regersneffe.de