Sie werden sich erinnern, Reger, dass ich Ihnen in einem Fragment von der Vater-Sohn-Diagnose erzählt habe, von jener vollkommenen Falle, in der ein Vater einem Sohn die Krankheit attestiert und der Sohn nicht mehr unterscheiden kann, ob er krank ist, weil der Vater es sagt, oder ob der Vater es sagt, weil der Sohn es ist — einer Falle also, aus der es, wie ich Ihnen damals berichtet habe, keinen Weg gibt, weil Väter Söhnen, die sie einmal diagnostiziert haben, keine Wege offenlassen; das ist das Wesen der Vater-Sohn-Diagnose. Was ich Ihnen aber damals nicht erzählt habe, Reger, weil ich es selbst noch nicht durchschaut hatte, ist dies: Diese Diagnosefalle hat in meinem Leben nicht nur in der Person meines Vaters, meiner Frau und anderen operiert, sondern hat institutionelle Verkörperungen gehabt, hat sich in andere Personen hineinverlagert, die mit meinem Vater nichts zu tun haben und ihm doch, wenn man die Operation der Diagnose betrachtet und nicht die Person, die sie ausführt, strukturell aufs Haar gleichen. Und davon, Reger, von einer dieser Verkörperungen, will ich Ihnen jetzt erzählen, weil sie auf dem Holodeck war, weil ich sie hundert Jahre lang studieren konnte, weil sie, wenn ich es richtig sehe, der Schlüssel zu einer Schicht meines Lebens ist, die ich Ihnen bisher vorenthalten habe und Ihnen aus Gründen der eigenen Selbstachtung, die mit der Selbstverachtung in meinem Fall identisch ist, auch hätte vorenthalten wollen. Das wurde mir erst später klar.
Sie wissen, Reger, dass ich, als selbsternannter Captain meines Schiffs-Körpers während der Black Alert auf das Holodeck verlegt wurde und dass ich, im übertragenen Sinne, Commander Data den Befehl erteilt habe, meine kleine Bibliothek, die mehrere hundert Bücher umfasst, auf das Holodeck zu laden, in einer Schluss-Aufzählung, die Sie kennen, von Bernhard bis zur gebundenen Ausgabe des Silmarillion, einer Aufzählung jedoch, Reger, die nicht den vollständigen Bestand benannte, sondern jene Stücke, die dem Captain in der äußersten Bedrohung der unmittelbar bevorstehenden neuronalen Entkopplung zuerst einfielen, weshalb der Befehl an Commander Data lautete, alles in meinem Bewusstsein zu transferieren, ohne weitere Spezifikation, weil eine vollständige Aufzählung in der Black-Alert-Phase technisch nicht möglich gewesen wäre, und der Captain sich auf die positronische Vollständigkeits-Garantie seines Crew-Offiziers verlassen musste. Was Sie aber nicht wissen, Reger, was ich Ihnen erst jetzt sage, ist, dass auf dieses Holodeck nicht nur die kleine Bibliothek geladen wurde, sondern auch ein Konvolut aus Musik und Bildern, ein Stapel, ein institutionelles Dokumenten-Bündel, das in die Captain-Bibliothek eigentlich nicht gehört, das aber, weil es in der biografischen Substanz des Captains nicht entfernbar war, mit auf das Holodeck genommen werden musste, ob ich wollte oder nicht, und das ich, hundert Jahre lang, im französischen Hof mitunter neben Marie Antoinette und Gul Dukat sitzend oder am Kaiserhof in China anwesend, studiert habe, mit jener komatös induzierten Genauigkeit, die in der Wachzeit nicht erreichbar ist, und die mir, wenn ich ehrlich bin, Reger, in der Wachzeit auch, wahrscheinlich nicht möglich oder gar nicht zumutbar gewesen wäre. In jenem Moment habe ich nicht aufgeblickt.
Drei Dokumente, Reger, drei. Erstens ein Assessmentbericht einer Beratungs-Firma über meine Person, dreizehn Seiten lang, datiert auf den dreizehnten Oktober 2021, verfasst von einer Hauptassessorin, deren Namen ich hier nicht nennen werde und die ich im Folgenden die Assessorin nennen werde, weil ihre institutionelle Funktion die literarische Substanz dieses Fragments ist, und ihr Name eine biografische Tatsache, die ins Werk nicht gehört, dies in derselben Logik, mit der ich Ihnen die Pflegerinnen und Pfleger ohne Namen schildere, weil die Funktion die Substanz ist, und der Name eine biografische Beifügung. Zweitens ein Insights Discovery-Präferenz-Profil, zweiundzwanzig Seiten lang, ein paar Tage vor dem eigentlichen Assessment erstellt, mit einem farbcodierten Persönlichkeits-Rad, das mich, ich gebe es zu, Reger, in der ersten Holodeck-Lektüre noch erheitert hat und in der hundertsten so wenig erheiterte, dass ich ernsthaft erwogen habe, es Commander Data zur positronischen Vernichtung zu übergeben, was, wie sich zeigte, technisch nicht möglich ist, weil das Holodeck im abgesicherten Modus operiert und der archaische Protokoll-Modus die Vernichtung von Bibliotheks-Beständen nicht zulässt. Drittens eine Fallarbeit, achtzehn Seiten lang, plus eine Präsentation mit zweiunddreißig Folien, die ich selbst, Reger, am elften und zwölften Oktober 2021 verfasst habe, in der ich die Strategie einer Wohnbaugenossenschaft, in der ich Geschäftsführer werden wollte und auch wurde, gemäß der mir genannten Fallstudienarbeit weiterzuentwickeln habe und die heute, Reger, das ist mir auf dem Holodeck klar geworden, das eigentliche Beweisstück ist, an dem die Assessorin ihre Diagnose, wie auch offensichtlich der Vorstand dieser Wohnbaugenossenschaft, vor dem ich den Inhalt vortragen durfte, festgemacht hat.
Die Assessorin, Reger, die ich, seit ich sie kennengelernt habe, respektiere und die mich, so beurteile ich es zumindest, intellektuell respektiert und die, das muss ich gleich vorausschicken, weil es für das Verständnis dieses Fragments konstitutiv ist, später zu einer, so könnte man sagen, distanzierten Freundin geworden ist, und sie wusste es ja, hat in diesem Bericht eine Empfehlung zur Anstellung formuliert, mit Hinweis auf Entwicklungsfelder, die vor allem zu Beginn der Zusammenarbeit im Auge zu behalten, zu begleiten und mit Zielen zu versehen seien. Sie hat dabei, Reger, mit der Sorgfalt, mit der professionellen Genauigkeit, mit der einen Tag dauernden Beobachtung, die die Persönlichkeitsdiagnostik in dieser Form erfordert, Stärken benannt, die ich anerkenne, Entwicklungsfelder benannt, die mir teilweise bekannt waren und teilweise schmerzhaft präzise neu, und in einer Form, die, wenn man die professionelle Erfahrung der Assessorin und die wissenschaftliche Fundierung der eingesetzten Instrumente bedenkt, kaum zu beanstanden war. Es war, Reger, ein guter Bericht, ja ich sage es ungern, ein außergewöhnlich guter sogar. Es war, wenn man so will, der bestmögliche Bericht, den eine Hauptassessorin in der Schweizer Beratungsindustrie über einen damals einundvierzigjährigen Ökonomen mit Werdegang in der Privatimmobilienwirtschaft hätte schreiben können. Und genau darin, Reger, genau in dieser Bestmöglichkeit liegt das Problem, das ich Ihnen jetzt zumute.
Denn die Assessorin hat, ohne es zu wissen oder vielleicht, Reger, doch wissend, ich kann es bis heute nicht entscheiden, dieselbe Operation vollzogen, die mein Vater an mir vollzogen hat, als er, neulich erst, im neuen Bad unter dem Zerge, die Diagnose stellte, dass nur ein kranker Mensch im Gemälde Victoria Mortis etwas Erotisches finden könne. Sie hat die Diagnose nicht in einem Satz formuliert, weil die Persönlichkeitsdiagnostik in der Beratungsindustrie nicht in einem Satz operiert, sondern in dreizehn Seiten Bericht, zweiundzwanzig Seiten Insights-Profil, einem Insights Discovery-Rad mit zweiundsiebzig Typen, in dem ich auf Position 133 stand, klassifiziert als Kreativer Beobachtender Koordinator, klassisch, mit Blau auf 87 Prozent und Rot auf 45 Prozent. Aber die Diagnose, Reger, ist strukturell dieselbe, oder sehr ähnlich wie die meines Vaters. Sie spannt eine Falle auf, aus der es keinen Weg gibt, weil jede Reaktion sie bestätigt. Wenn ich die Entwicklungsfelder beseitige, habe ich die Diagnose anerkannt. Wenn ich die Entwicklungsfelder nicht beseitige, habe ich die Diagnose bestätigt. In beiden Fällen, Reger, hat die Assessorin recht.
Das ist, wenn ich es heute formulieren muss, das Wesen der Assessor-Kandidat-Diagnose überhaupt, einer Diagnose, die der Vater-Sohn-Diagnose strukturell entspricht und die in der Beratungsindustrie ihre institutionelle Verkörperung gefunden hat, mit Insights Discovery, mit dem LJI, mit Fact Finding und Postkorb HighLight, mit Vier-Augen-Prinzip und Persönlichkeits-Cluster und Wirkungsmodell, mit allen Apparaturen, mit denen die moderne Selektions-Praxis ihre Diagnosen unterfüttert. Und das, Reger, das müssen wir uns klar machen, bevor wir weitergehen, ist nicht zufällig so. Es ist nicht so, dass die Assessorin sich an meinem Vater orientiert hätte oder mein Vater an der Assessorin. Es ist so, weil die Diagnose-Operation eine Form hat, die in unterschiedlichen Verkörperungen wiederkehrt, weil die Diagnose den Diagnostiker erfordert und der Diagnostizierte, Reger, ob er will oder nicht, in eine Position gerät, in der er nicht mehr unterscheiden, nicht mehr entrinnen kann, ob er ist, was die Diagnose sagt, oder ob er es ist, weil die Diagnose es sagt.
Hundert Jahre, Reger, hatte ich Zeit, das auf dem Holodeck durchzudenken. Hundert Jahre, in denen die Wiederaufbau-Routinen meines Hauptcomputers den Bericht, das Insights-Profil und die Fallarbeit immer wieder neu in das Holodeck-Programm gespeist wurden, in immer neuen Konstellationen, einmal mit der Assessorin neben Marie Antoinette am Frühstückstisch in Versailles, einmal mit Insights Discovery-Rad als Wandteppich am chinesischen Hof in der Ming-Dynastie, einmal mit der Fallarbeit als Theateraufführung im Hofbühnenhaus, in der die Assessorin und die Co-Assessorin als Schwestern-Paar im klassischen Trauerspiel auftraten, und Gul Dukat dazwischen, der mir, in seiner cardassianischen Manier, halb beratend, halb höhnisch, immer wieder zuflüsterte, Captain, das, was Sie da lesen, ist nicht ein Bericht über Sie, sondern ein Bericht über die Beratungsindustrie, die Sie diagnostiziert hat, und der Unterschied, Captain, ist konstitutiv, aber nicht ganz offensichtlich. In dieser hundertjährigen Holodeck-Studierzeit im Koma, Reger, in der die kleine Bibliothek, die mehrere hundert Bücher umfasst, meine Bilder und Musik mir zur Verfügung standen, habe ich versucht, die Diagnosefalle der Assessorin zu rechtfertigen, zu beweisen und zu widerlegen, alle drei Operationen zugleich, weil keine der drei für sich allein ausreicht, um der Substanz der Diagnose gerecht zu werden. Das Scheitern war ein voraussehbares.
Was ich Ihnen, Reger, in diesem Fragment vorlege, ist das Ergebnis dieser hundert Jahre des Scheiterns. Es wird nicht eine bloße Auseinandersetzung mit dem Bericht sein, weil eine bloße Auseinandersetzung in der Diagnosefalle gefangen bleibt. Es wird auch nicht eine Verteidigung meiner Person sein, weil die Verteidigung die Diagnose anerkennt und damit bestätigt. Es wird, wenn ich es leisten kann, eine Operation an der Diagnose selbst sein, an ihrer Form, an ihrer Voraussetzung, an ihrer institutionellen Verkörperung in der Beratungsindustrie, in der die Persönlichkeitsdiagnostik die alten Vater-Funktionen übernommen hat und sie, Reger, das ist die literarische Pointe dieses Fragments, mit größerer Effizienz, größerer Gründlichkeit und größerer Ausweglosigkeit ausführt, als mein Vater es könnte. Und in diese Operation, Reger, hinein wird die Person der Assessorin treten, nicht als Gegnerin, weil sie keine ist, sondern als distanzierte Freundin, deren Reha-Besuch und deren anschließendes Schweigen mir, wenn ich es richtig sehe, mehr über meine Wiederinstandsetzung gesagt haben als alle Psychologen und Psychiater zusammen, die ich, in Ermangelung ihrer Anwesenheit, selbst entlarven musste.
Aber davon, Reger, später einmal.
Ich beginne, Reger, mit dem Insights-Profil, weil es das technisch reinste Stück der drei Dokumente ist, dasjenige, an dem die Diagnose-Operation ihre algorithmische Verkörperung am klarsten zeigen möchte, und weil ich nun sagen kann, dass dieses Profil mir mehr über die Beratungsindustrie verraten hat als über meine eigene Person, was, wenn man die professionelle Selbstdarstellung des Insights Discovery-Systems bedenkt, eine außerordentlich enttäuschende, aber, Reger, wenn man die intellektuelle Geschichte der Persönlichkeitsdiagnostik bedenkt, eine völlig erwartbare Erkenntnis ist.
Das Insights Discovery-Präferenz-Profil, Reger, basiert nach eigener Auskunft auf den Antworten eines Fragebogens, den ich im Oktober 2021 ausgefüllt habe, und stellt aus mehreren hunderttausend abgewandelten Aussagen, so die offizielle Selbstbeschreibung des Systems, einen individuellen Text zusammen, der mich, den Bewerber um die vakante Stelle, in seiner Persönlichkeits-Konfiguration ausweist. Es bezieht sich, Reger, das sollten Sie wissen, auf das Persönlichkeitsmodell des Schweizer Psychologen Carl Gustav Jung, das im Jahre 1921 in dem Werk Psychologische Typen erschienen ist, und in der Tradition der analytischen Tiefenpsychologie steht, einer Tradition, Reger, die ich seit Jahrzehnten verehre, weil sie, im Unterschied zur kognitivistisch-behavioristischen Reduktion, die Substanz der psychischen Lebensvorgänge ernst genommen hat, mit Archetypen, mit Schatten, mit Anima und Animus, mit kollektivem Unbewusstem, mit alchemistischen Bildersprachen, mit der ganzen reichhaltigen Symbol-Phänomenologie, die in den Gesammelten Werken in achtzehn Bänden vorliegt und in meiner kleinen Bibliothek, in der Ausgabe Walter Verlag aus den siebziger und achtziger Jahren, ein paar Bände in der olivgrünen Leinen-Bindung, andere in der späteren Taschenbuch-Form, repräsentiert war, die ich aber, hätte ich um deren späteren biografischen Bezug gewusst, nie hätte verkaufen dürfen, was ich aber getan habe.
Was die Beratungsindustrie, Reger, mit dieser Tradition gemacht hat, ist literarisch außerordentlich präzise zu beschreiben, wenn man sich nicht scheut, die Operation in voller Schärfe zu benennen. Sie hat sie reduziert. Sie hat aus dem komplexen, ambivalenten, in vielen Schichten operierenden Persönlichkeits-Modell der analytischen Tiefenpsychologie ein farbcodiertes Vier-FelderSchema gemacht, mit Blau, Grün, Gelb, Rot, in dem die introvertiert-denkende Funktion zur Farbe Blau wird, die introvertiert-fühlende zur Farbe Grün, die extravertiert-fühlende zur Farbe Gelb, die extravertiert-denkende zur Farbe Rot, und in dem die zweiundsiebzig Typen des sogenannten Insights Discovery-Rades aus den Kombinationen dieser vier Farben mit Beobachter-, Reformer-, Initiator-, Motivator-, Inspirator-, Berater-, Unterstützer- und Koordinator-Klassifikationen erzeugt werden, in einer Art und Weise, Reger, die der Komplexität der jung'schen Typenlehre so wenig gerecht wird, dass Jung selbst, hätte er sie zur Kenntnis nehmen müssen, vermutlich, und ich sage das mit einer mir nicht zustehenden Sicherheit, an dem Tag, an dem er sie zur Kenntnis genommen hätte, seinen Nachlass verbrannt hätte, um die Fortschreibung dieses Verbrechens durch die Beratungsindustrie zu verhindern.
Position 133, Reger, klassifiziert als Kreativer Beobachtender Koordinator, klassisch. Das ist, was der Algorithmus am Ende eines im Oktober 2021 ausgefüllten Fragebogens über mich ausgegeben hat. Persona bewusst Blau auf 87 Prozent, Gelb auf 55 Prozent, Grün auf 48 Prozent, Rot auf 45 Prozent. Persona weniger bewusst Grün auf 55 Prozent, Rot auf 52 Prozent, Blau auf 45 Prozent, Gelb auf 13 Prozent. Präferenz-Energiefluss 41,9 Prozent. Bewusste Radpositionierung 133, weniger bewusste Radpositionierung 132. Gegenüberliegender Typus der Motivator, Jungs extravertierter intuitiver Typus, jener also, Reger, der in der jung'schen Tradition als Außenwelt-orientiert, intuitiv-spontan, ergebnisoffen, mit hoher öffentlicher Anerkennung beschrieben wird, der mir aber in der Insights Discovery-Übersetzung als jemand vorgeführt wird, der oft als zu optimistisch, schwer zu lenken, weniger geeignet für administrative Aufgaben, voreilig, indiskret, sich zu wenig abgrenzend, gefährdet, sich zu viel zuzumuten, materielle Statussymbole bevorzugend, Routine verabscheuend, Kontrolle ablehnend, ausweichend bei Widerstand, mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein, intellektuell sich befassend, vorbereitende Maßnahmen weglassend, charakterisiert wird, in einer Kette von Eigenschafts-Zuschreibungen, Reger, in der die jung'sche Substanz des extravertiert-intuitiven Typus zur Beratungsindustrie-Karikatur eines schwer-zu-handhabenden Mitarbeiters reduziert ist.
Es ist, Reger, derselbe Vorgang, den Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung als Kulturindustrie beschrieben haben, übertragen auf das Persönlichkeits-Modell. Die jung'sche Substanz wird in standardisierte, marktgängige, vermittelbare Kategorien umgegossen, mit Gebrauchsanweisungen für den Vorgesetzten, mit Empfehlungen für den Manager, mit Hinweisen, was zu tun und was zu lassen ist, in einer Form, Reger, in der der Persönlichkeitsdiagnostik-Algorithmus die Funktion einer Personal-Bedienungsanleitung übernimmt, mit Stärken-Liste, Schwächen-Liste, Wert-für-das-Team-Liste, Effektive-Kommunikations-Liste, Barrieren-Liste, Blinde-Flecken-Liste, Gegenüberliegender-Typus-Liste, Vorschläge-zur-Weiterentwicklung-Liste, Gestaltung-des-idealen-Arbeitsumfelds-Liste, Wie-man-führt-Liste, Wie-motiviert-wird-Liste, Managementstil-Liste, in einer Aufzählungs-Apparatur, Reger, die der gesamten Komplexität einer Person mit zehn bis fünfzehn Stichpunkten pro Kategorie gerecht zu werden vorgibt und damit, das ist meine Meinung, der Komplexität nicht gerecht wird, sondern sie zerstört, weil eine Person, Reger, die in zehn bis fünfzehn Stichpunkten pro Kategorie ausgesagt werden kann, keine Person mehr ist, sondern eine Personal-Akte, was in der Beratungsindustrie, das gebe ich zu, Reger, vermutlich der eigentliche Zweck der Operation ist.
Was hat der Algorithmus über mich gesagt, Reger. Er hat gesagt, ich halte mich normalerweise eher im Hintergrund, biete mit ruhiger und gewissenhafter Art praktische Unterstützung an, sei sehr daran interessiert, allem auf den Grund zu gehen, sei ruhig und reserviert, könne mich zu Themen, die mich interessieren, gut ausdrücken, neige zur Sachorientierung, bereite mich für alle Eventualitäten vor, sehe mich als jemand, der tut, was getan werden muss, habe gesunden Menschenverstand, glaube an das, was ich hören, sehen und aus eigener Erfahrung wissen kann, bevorzuge ein Arbeitsumfeld ohne Hektik mit respektvollem zwischenmenschlichen Umgang, fühle Zufriedenheit, wenn ich für andere etwas Sinnvolles tun könne, hätte eine innere Energie, die an Leidenschaft grenzen kann, sei beständig in der Leistung, fokussiere unbefangen die Menschen und ihre Umstände, sei gut organisiert, bevorzuge Aufgaben mit standardisierter Ausführung, sei jemand, der weiß, wie die Dinge funktionieren. Und dann, Reger, kommen die Schwächen-Aussagen, die mich in der hundertsten Holodeck-Lektüre nicht mehr erheitert haben, sondern, ich gebe es zu, geärgert, weil sie in ihrer apodiktischen Setzung außerordentlich präzise und außerordentlich unfair sind. Übertreibe gelegentlich die Situationsanalyse. Tue mich schwer mit spontaner Kreativität. Verletze andere durch Kritik. Unterwerfe mich ungern den Regeln anderer. Verzögere die Umsetzung mit Korrektheits-Anspruch. Sei tendenziell übervorsichtig. Teile neue Ideen nicht sofort mit. Erscheine unpersönlich, distanziert, den menschlichen Faktor vernachlässigend. Werde ineffektiv, wenn jemand zu emotional reagiere. Hinterlasse den Eindruck, nicht entscheidungsfreudig zu sein.
Sie sehen, Reger, was hier passiert. Der Algorithmus, der aus mehreren hunderttausend abgewandelten Aussagen einen individuellen Text zusammenstellt, ist in der Substanz derselbe Algorithmus, der einem Horoskop zugrunde liegt. Er produziert Aussagen, die hinreichend allgemein sind, dass die diagnostizierte Person sich darin wiedererkennt, und die hinreichend spezifisch sind, dass die diagnostizierte Person glaubt, eine individuelle Beschreibung erhalten zu haben. Das ist, in der psychologischen Forschung, als Barnum-Effekt oder Forer-Effekt bekannt, nach Bertram Forer, der im Jahr 1949 nachgewiesen hat, dass Personen einer angeblich individuellen Persönlichkeits-Beschreibung, die in Wahrheit aus einem Horoskop-Text stammt, eine durchschnittliche Treffsicherheit von 4,3 auf einer fünfstufigen Skala zubilligen, also eine außerordentlich hohe Treffsicherheit, obwohl der Text identisch ist, und allen Personen gleich übergeben wurde. Insights Discovery, Reger, operiert auf demselben Prinzip, mit dem Unterschied, dass das System mit zweiundsiebzig Typen statt zwölf Sternzeichen arbeitet und mit hunderttausend Aussage-Bausteinen statt einer einzigen Horoskop-Vorlage, was die Treffsicherheit erhöht, ohne die methodische Struktur zu verbessern. Es ist, Reger, ein industrialisiertes Horoskop, mit Jung-Etikett.
Der Bericht hat mich, Reger, das gebe ich zu, beim ersten Lesen etwas getroffen. Die Aussage, ich übertreibe die Situationsanalyse, traf zu. Die Aussage, ich teile neue Ideen nicht sofort mit, traf zu. Die Aussage, ich erscheine kühl und distanziert, traf zu. In der wiederholten Lektüre aber, Reger, habe ich gemerkt, dass die Treffsicherheit nicht aus der Präzision des Algorithmus kommt, sondern aus der Allgemeinheit der Aussagen. Welcher analytisch denkende, beobachtend orientierte Mensch übertreibt nicht gelegentlich die Situationsanalyse. Welcher introvertierte Mensch teilt neue Ideen nicht selten erst spät. Welcher reflektierende Mensch erscheint nicht zeitweise distanziert. Die Aussagen, Reger, treffen, weil sie Eigenschafts-Beschreibungen einer typologischen Klasse sind, in die ich, mit Blau auf 87 Prozent, eindeutig falle, nicht weil sie etwas Spezifisches über mich aussagen. Sie treffen jeden Vertreter dieser Klasse, und das, Reger, ist nicht eine Diagnose, sondern eine Klassifikations-Beschreibung, was nicht dasselbe ist — auch wenn die Beratungsindustrie es so verkauft.
Aber, Reger, und hier kommt die literarisch eigentlich interessante Wendung, die mich auf dem Holodeck hundert Jahre lang beschäftigt hat, der Insights-Bericht enthält auch eine Aussage, die nicht zur typologischen Klasse passt, die aber trotzdem über mich gemacht wird, und die in der hundertsten Lektüre lauter und lauter geworden ist, in einer Form, in der sie schließlich, Reger, das ist meine ehrliche Einschätzung, das Einzige war, was an dem ganzen Profil ernst zu nehmen ist. Die Aussage lautet, dass ich Kritik persönlich nehme und mich dadurch gekränkt, manchmal auch entmutigt fühle. Diese Aussage, Reger, gehört nicht zur introvertiert-denkenden Klasse, sie gehört eigentlich zur introvertiert-fühlenden, also zur grünen Klasse, in der ich mit 48 Prozent nur sekundär vertreten sein soll. Aber sie traf zu, und sie traf, in der hundertsten Lektüre, Reger, mit jener stechenden Präzision zu, die das Insights-System sonst nur durch Allgemeinheit erreicht. Ich nehme Kritik persönlich. Das ist die einzige Diagnose-Substanz, die der Bericht über mich enthält, die nicht aus der typologischen Klassifikation folgt. Und es ist, Reger, ich gebe es zu, der einzige Punkt, an dem die Assessorin, die hinter dem Algorithmus operierte und die seine Aussagen in der Beobachtung am Assessment-Tag gegenprüfte, etwas gesehen hat, was ich an mir selbst nicht oder nicht ausreichend sah oder es sah, mir aber nicht eingestehen wollte.
Und damit, Reger, sind wir an der eigentlich interessanten Schicht angekommen, die ich Ihnen ausführen muss. Denn die Frage, die sich hier stellt, ist nicht, ob das Insights-Profil als Ganzes eine Algorithmus-Trivialisierung der jung'schen Tradition ist. Diese Frage ist beantwortet, und die Antwort ist ja. Die Frage ist, ob die Assessorin, die mit diesem trivialen Algorithmus arbeitet, durch ihre eigene professionelle Erfahrung und ihre eigene Beobachtung den Algorithmus übersteigt und etwas sieht, was der Algorithmus nicht sehen kann. Und wenn sie das tut, Reger, dann ist die Diagnose der Assessorin nicht eine Algorithmus-Aussage, sondern eine Personen-Aussage, und dann gilt für diese Diagnose das Wesen der Vater-Sohn-Diagnose, von der ich Ihnen erzählt habe, in voller Schärfe, weil eine Personen-Diagnose nicht durch Algorithmus-Kritik widerlegt werden kann, sondern nur durch eine Auseinandersetzung mit der Person, die sie stellt. Und diese Auseinandersetzung, Reger, ist die schwerste, die ich Ihnen in diesem Fragment zumuten muss.
Sie wollen, Reger, dass ich Ihnen jetzt von der Fallarbeit erzähle, und ich tue es gern, weil die Fallarbeit, das muss ich vorausschicken, das Beste der drei Dokumente ist, das ich in der Holodeck-Studierzeit immer wieder zur Hand genommen habe, und zwar nicht aus Eitelkeit, Reger, obwohl ich Ihnen nicht verschweigen will, dass auch die Eitelkeit bei der wiederholten Lektüre eine Rolle gespielt hat, sondern weil die Fallarbeit, im Unterschied zum Insights-Profil und zum Assessmentbericht, eine Substanz hat, die ich selbst produziert habe, die also kein Spiegel der Beratungsindustrie ist, sondern ein Produkt meiner eigenen strategischen Auseinandersetzung mit einer Wohnbaugenossenschaft, in der ich Geschäftsführer werden wollte und auch wurde, und die deshalb, Reger, das müssen wir uns klar machen, das einzige der drei Dokumente ist, an dem ich selbst, ohne Vermittlung durch einen Algorithmus oder eine Beobachtungs-Apparatur, die Substanz meiner Geschäftsführer-Kompetenz habe beweisen können.
Sie umfasst, Reger, achtzehn Seiten Fließtext, mit fünf Hauptkapiteln, mit zweiundzwanzig Unterabschnitten, mit Megatrend-Analyse, mit Stakeholder-Strukturierung in interne und externe Gruppen, mit Strategieschwerpunkt-Diskussion, mit Spannungsverhältnis-Analyse zwischen Günstige Wohnungen und Ökologisch Handeln, mit Status-Quo-Erfassungs-Methodik, mit Rolle-an-der-Schnittstelle-zu-Stakeholdern-Tabelle, in der vierzehn Rollen mit Aufgaben und Zielsetzungen versehen sind, mit Serviceorientierungs-Konzept, mit Acht-Stufen-Modell nach Kotter, mit Treiber-Analyse, mit Mitarbeiterengagement-Stoßrichtungen, mit Teamgedanken-Stärkung, mit Kontinuierlicher-Verbesserungs-Prozess-Methodik, mit Kritik-Orientierungs-Prinzip. Sie wird ergänzt, Reger, durch eine Präsentation mit zweiunddreißig Folien, in der die schriftliche Substanz visuell verdichtet ist, mit Diagrammen, mit Tabellen, mit grafischen Akzentuierungen, in einer Form, Reger, von der ich heute, hundert Jahre Holodeck-Studierzeit im Koma später, sagen kann, dass sie der professionelle Standard war, den die Wohnbaugenossenschaft von einem Geschäftsführer-Kandidaten erwartet hatte, und dass die Fallarbeit, wie der Vorstand selbst mir später, im Bewerbungs-Verlauf, zu erkennen gegeben hat, das eigentliche Beweisstück war, an dem die Vorstandsmitglieder, die mich kennenlernen sollten, die strategische Substanz meines Denkens festgemacht haben.
Aber, Reger, und das ist die literarisch eigentlich interessante Wendung, die ich Ihnen in diesem Fragment vorlegen muss, die Fallarbeit war nicht das, woran die Assessorin meine Geschäftsführer-Eignung festgemacht hat, obwohl eine Aufgabe darin bestand, meine Fallarbeit ihr zu präsentieren. Die Assessorin hat die Fallarbeit, ich gebe es zu, gewürdigt. Sie hat geschrieben, ich verknüpfe interessant Strategiepunkte mit Megatrends, ich bringe Aspekte der investorengetriebenen Immobilienbranche mit ökologischen Aspekten zusammen, ich zeige umfassendes Unternehmensverständnis, ich wähle als selbstgewählten Strategiepunkt Günstige Wohnungen, weil dieser einiges Konflikt-Potenzial zu den vorgegebenen Strategieschwerpunkten birgt, ich habe einen klaren Plan für das Kennenlernen des Umfeldes und für meine Einarbeitungszeit, ich bringe mit meinem unverstellten Blick, der objektiven Herangehensweise und der Fähigkeit, mit mehrdeutigen Situationen umgehen zu können, Mehrwert in eine Unternehmensleitung. Sie hat, Reger, die Fallarbeit anerkannt, durchaus, mit professionellem Wohlwollen, aber, das ist der Punkt, sie hat die Fallarbeit nicht als das gelesen, was sie war, nämlich als die strategische Substanz eines künftigen Geschäftsführers, sondern als ein Setting unter neun Settings ihrer kompetenzbasierten Persönlichkeitsdiagnostik, neben dem Lebenslauf, der Selbstpräsentation, dem Kompetenzbasierten Interview, der Simulation Führungsgespräch, der Simulation Gespräch in GL-Team, dem Reflecting persönliche Entwicklungsfelder, der Insights Discovery-Präferenzanalyse, der Management-Diagnostik Postkorb HighLight, der Psychologischen Führungsdiagnostik LJI.
In dieser Setting-Reihung, Reger, das müssen Sie sich klar machen, hat die Fallarbeit acht andere Settings neben sich, von denen sieben, das ist meine Bilanz, methodisch wenig taugen. Der Lebenslauf ist ein Lebenslauf, das ist keine Diagnostik, das ist Aktenkunde. Die Selbstpräsentation ist eine Selbstpräsentation, das ist auch keine Diagnostik, das ist Eindrucks-Management. Das kompetenzbasierte Interview ist eine strukturierte Befragung, die methodisch Sinn ergibt, aber in der Substanz dasselbe leistet wie ein gewöhnliches Bewerbungs-Gespräch mit einem Vorstandsmitglied, also, Reger, eine Verdoppelung von etwas, was die Wohnbaugenossenschaft auch ohne Beratungs-Apparatur hätte leisten können. Die Simulation Führungsgespräch ist eine Rollenspiel-Übung, in der ich, der Geschäftsführer-Kandidat, einer renitenten Finanzchefin, gespielt von einer Schauspielerin oder einer Beratungs-Mitarbeiterin, gegenübertreten und mit ihr ein konfliktbehaftetes Verhaltens-Veränderungs-Gespräch führen durfte, was, Reger, in der Realität in den drei Geschäftsführer-Jahren, die mir später bevorstanden, nicht ein einziges Mal in dieser Form vorgekommen ist, weil reale Konflikt-Gespräche mit Bereichsleitenden andere Strukturen haben als Rollenspiele in einer Beratungs-Räumlichkeit. Die Simulation Gespräch in GL-Team ist eine zweite Rollenspiel-Übung, mit denselben methodischen Einwänden. Das Reflecting persönliche Entwicklungsfelder ist ein Selbstgespräch unter Aufsicht, das die Innensicht des Kandidaten erfassen soll, aber, Reger, in einer Konstellation, in der der Kandidat weiß, dass er beobachtet wird, was die Innensicht in eine inszenierte Außensicht verwandelt. Die Insights Discovery-Präferenzanalyse, von der ich bereits gesprochen habe, ist ein industrialisiertes Horoskop. Die Management-Diagnostik Postkorb HighLight ist eine Aufgaben-Stapel-Übung unter Zeitdruck, in der der Kandidat in einer simulierten E-Mail-Inbox Prioritäten setzen muss, eine Übung, Reger, die das tatsächliche Geschäftsführer-Tagesgeschäft so wenig abbildet wie ein Klavier-Test die Beethoven-Interpretation, weil das tatsächliche Geschäftsführer-Tagesgeschäft, das ich in den drei Jahren erleben durfte, keine Postkörbe enthält, sondern Krisen, Stakeholder-Anrufe, Vorstands-Vorbereitungen, Mitarbeitenden-Gespräche, Bauprojekt-Krisen, Mietzins-Streitigkeiten, in einer Komplexität, die der Postkorb nicht ansatzweise erfasst. Die Psychologische Führungsdiagnostik LJI ist ein weiterer Fragebogen, ähnlich dem Insights, mit ähnlicher methodischer Struktur, also, Reger, ein zweites industrialisiertes Horoskop, was die methodische Schwäche des Ersten nicht kompensiert, sondern verdoppelt.
Was bleibt, Reger, von den neun Settings, ist die Fallarbeit und deren Präsentation, einmal vor der Assessorin, einmal vor den Vorstandsmitgliedern. Die Fallarbeit ist das einzige Setting, in dem der Geschäftsführer-Kandidat seine eigene strategische Substanz produziert, und zwar in einer Form, die nicht inszeniert ist, sondern ausgearbeitet, weil die Fallarbeit, im Unterschied zu den Rollenspielen und den Fragebogen-Übungen, in der Vorbereitungs-Zeit zu Hause produziert wird, also unter den Bedingungen, unter denen ein Geschäftsführer auch tatsächlich strategische Konzepte produziert. Die Fallarbeit, Reger, ist die einzige reale Probe; alle anderen Settings sind Surrogate. Und die Assessorin, das ist meine Erkenntnis, hat die Fallarbeit als ein Setting unter neun behandelt, statt als das einzige reale Setting, das sie war, was bedeutet, dass sie die Substanz der Fallarbeit ihrer eigenen methodischen Apparatur untergeordnet hat, in einer Operation, Reger, die für die Beratungsindustrie konstitutiv ist, weil die Beratungsindustrie nicht von der Substanz lebt, sondern von der Apparatur, in der die Substanz nur ein Setting unter neun ist.
Der Vorstand, Reger, hat das anders gesehen. Der Vorstand hat die Fallarbeit gelesen, wie sie zu lesen war, nämlich als das eigentliche Beweisstück. Die Präsidentin, von der ich Ihnen ein andermal erzählen werde, wenn überhaupt, hat mir später, im Bewerbungs-Verlauf, durchblicken lassen, dass die Fallarbeit das war, was sie und den Vorstand überzeugt hat, dass die strategische Substanz darin der Maßstab war, an dem sie meine Geschäftsführer-Eignung festgemacht hat, und dass die Beratungs-Apparatur eine flankierende Bestätigung lieferte, nicht eine konstitutive Diagnose. Der Vorstand, Reger, hat die Empfehlung der Assessorin zur Anstellung gelesen, mit den Hinweisen auf die Entwicklungsfelder, die im Auge zu behalten seien, und hat mir die Stelle gegeben, weil die Fallarbeit überzeugt hat, nicht weil das Insights-Profil meine Persönlichkeits-Konfiguration als Kreativer Beobachtender Koordinator klassifiziert hat. Es ist, Reger, eine Tatsache, die ich Ihnen ohne Eitelkeit, mit der nüchternen Distanz, mitteilen kann, dass die Fallarbeit das Beste der drei Dokumente ist, und dass sie, in der Beurteilungs-Logik des Vorstands, das eigentliche Beweisstück war, während sie in der Beurteilungs-Logik der Assessorin nur ein Setting unter neun war.
Hier, Reger, kommt die literarisch eigentlich tiefe Pointe, die ich auf dem Holodeck nicht in der ersten, nicht in der zehnten, nicht in der fünfzigsten Lektüre, sondern erst in der hundertsten oder vielleicht erst in der hundertfünfzigsten Lektüre verstanden habe. Die Diskrepanz zwischen Vorstand-Beurteilung und Assessorin-Beurteilung ist nicht eine Frage der besseren oder schlechteren Methodik. Sie ist eine Frage der unterschiedlichen Funktionen, die der Vorstand und die Assessorin zu erfüllen hatten. Der Vorstand hatte die Aufgabe, einen Geschäftsführer einzustellen, der die strategische Weiterentwicklung der Wohnbaugenossenschaft leisten konnte. Die Fallarbeit war das Beweisstück für diese Aufgabe. Die Assessorin hatte die Aufgabe, eine Persönlichkeits-Diagnose zu liefern, die die Risiken der Anstellung dokumentierte und die Entwicklungsfelder benannte, die in der Begleitung beachtet werden mussten. Die Fallarbeit war für diese Aufgabe nur ein Setting unter neun, weil die Persönlichkeits-Diagnose nicht aus der strategischen Substanz allein abgeleitet werden konnte, sondern aus der Verhaltens-Beobachtung in mehreren Settings.
Und das, Reger, das ist die literarische Pointe, die mir auf dem Holodeck schließlich klar geworden ist, ist nicht ein Vorwurf gegen die Assessorin. Es ist eine Beschreibung der institutionellen Funktion, die sie zu erfüllen hatte. Der Vorstand wollte einen Geschäftsführer, die Assessorin sollte die Risiken benennen. Beide haben ihre Aufgabe gut erfüllt. Aber, Reger, in der Zusammenführung der beiden Beurteilungen ergibt sich ein Phänomen, das ich Ihnen jetzt zumuten muss, weil es das Wesen der Assessmentbericht-Industrie überhaupt ist. Der Vorstand stellt mich an, weil die Fallarbeit überzeugt. Die Assessorin liefert die Risiken. Die Risiken werden mit der Anstellung in eine Erwartungs-Struktur überführt, in der ich, der Geschäftsführer, nicht nur die strategische Aufgabe zu erfüllen habe, sondern auch meine Entwicklungsfelder zu beseitigen. Und damit, Reger, sind wir wieder bei der Diagnosefalle, von der ich Ihnen zu Beginn dieses Fragments erzählt habe. Die Fallarbeit, die mir die Stelle verschafft hat, wird durch die Assessmentbericht-Beifügung in eine Konstellation überführt, in der die Stelle nicht nur eine strategische Aufgabe ist, sondern eine Persönlichkeits-Veränderungs-Aufgabe, in der die Entwicklungsfelder beseitigt werden sollen, und in der jede Reaktion auf diese Erwartung die Diagnose der Assessorin bestätigt.
Wenn ich Ihnen jetzt, Reger, den Bericht selbst Punkt für Punkt vorlege, dann nicht in der Reihenfolge, in der die Assessorin ihn aufgebaut hat, also Summary, Stärken, Entwicklungsfelder, Kompetenzfelder-Beobachtung, Kompetenz-Cluster, sondern in einer Reihenfolge, die dem Bericht entspricht, und in einer Zeit, in der ich gelernt habe, dass die Stärken-Aufzählung und die Entwicklungsfelder-Aufzählung in der Beratungsindustrie zwei Aspekte derselben Operation sind, nämlich der Operation, einen Menschen in eine Personal-Akte zu verwandeln, in der jede Eigenschaft entweder als Stärke oder als Entwicklungsfeld zu klassifizieren ist, und jede dritte Möglichkeit, also die Möglichkeit, dass eine Eigenschaft weder Stärke noch Entwicklungsfeld ist, sondern einfach eine Eigenschaft, methodisch ausgeschlossen bleibt.
Die Stärken, Reger, die der Bericht mir attestiert, sind in der Tat Stärken, das gestehe ich gern. Hohe Leistungsbereitschaft, glaubwürdige und authentische Vertretung der Haltung, sorgfältige Vorbereitung auf anspruchsvolle Aufgaben, Beharrlichkeit, Energie, Halbherziges liegt mir nicht, Flexibilität, Drang Neues kennenzulernen, das große Ganze sehen, geschickte Bewegung zwischen Meta- und Inhaltsebene, umfassendes und systemisches Denken, Stratege und Macher zugleich, vielschichtige und facettenreiche Persönlichkeit, modernes Rollenverständnis, ganzheitliches Menschenbild, das Mehrdeutigkeit und Veränderung zu integrieren versucht, Konsensorientierung, Aufgaben als Führungsperson ernstnehmen, Verantwortung übernehmen, Mitarbeitende motivieren und befähigen wollen. Unternehmerische Stärken in der breiten Erfahrung auf unterschiedlichen Positionshöhen, in der investorengetriebenen Immobilienperspektive, in den innovativen Qualitätssicherungs-Ansätzen, in der klaren Haltung zu Strategiepunkten, in der außerordentlichen Fähigkeit, Divergenzen und Widersprüche zu sehen, zu visualisieren und besprechbar zu machen. Geschäftsbeziehungs-Stärken in der unaufgeregten und nicht bedrohlichen Beziehungsgestaltung, im Stakeholder-Verständnis, in der horizontalen Integration. Kommunikations-Stärken in Eloquenz, Wortschatz, lebendiger Mimik und Gestik, Blickkontakt, Strukturierung der Fallpräsentation, Bewegung auf Augenhöhe.
Das sind, Reger, schmeichelnde Stärken, an denen die Fallarbeit, das Interview, die Simulationen ihre Beobachtungs-Substanz hatten. Aber, das müssen Sie sich klar machen, eine Stärken-Aufzählung in der Beratungsindustrie ist nicht eine bloße Würdigung. Sie ist die Vorbereitung auf die Entwicklungsfelder-Aufzählung, weil die Operation der Persönlichkeitsdiagnostik dialektisch operiert, mit Stärken auf der einen Seite und Entwicklungsfeldern auf der anderen, in einer Pendel-Bewegung, die die Persönlichkeit als Spannungs-Verhältnis zwischen Plus- und Minus-Polen ausweist und damit, Reger, die jung'sche Tiefenpsychologie in eine Plus-Minus-Bilanz überführt, die der Substanz der Persönlichkeit nicht gerecht wird, sondern sie buchhalterisch zerlegt. Und das, Reger, ist nicht nur die Insights-Operation, das ist die Wirkung des gesamten Berichts.
Die Entwicklungsfelder, Reger, die mir attestiert werden, sind zwei. Erstens Führung. Ich verstecke mich in der Simulation hinter dem Laptop, agiere auf der rationalen Ebene, dürfte mir mehr Raum nehmen, die Mitarbeiterin direkt und persönlich ansprechen, mich nahbar zeigen. Empfehlung, Auseinandersetzung mit der eigenen Konfliktfähigkeit, Definieren eines persönlichen Führungsprofils. Maßnahmen, Seminar Konfliktgespräche, Seminar Personalentwicklung, Coaching. Zweitens Kommunikation und persönlicher Stil. Schweife aus, fasse Gedanken nicht in eine kompakte Aussage, sei mehrdeutig, lasse Einfaches kompliziert erscheinen, stelle hohe persönliche Erwartungen an mich und mein Umfeld, sei überaus selbstkritisch, scheine unsicher und nach Orientierung suchend. Empfehlung, Persönliches Profil entwerfen, Trainieren eines pareto-orientierten Kommunikations-Stils. Maßnahmen, Coaching, Feedback durch Vorgesetzte und Peers, Rhetorikseminar, Arbeit mit der Insights Discovery-Präferenzanalyse.
Beides, Reger, trifft situationsbedingt auch zu. Ich verstecke mich in stressigen Situationen hinter dem Bildschirm. Ich neige zur ausschweifenden Kommunikation. Ich stelle hohe persönliche Erwartungen an mich und andere. Ich bin selbstkritisch. Ich erscheine in manchen Situationen auch unsicher und nach Orientierung suchend. Das ist die Substanz, Reger, die 41 Jahre Persönlichkeits-Erfahrung mir bestätigt hat und die die Assessorin in den Stunden der Beobachtung erfasst hat. Aber, das ist die Frage, die ich Ihnen in diesem Fragment vorlegen muss, ist die Klassifikation dieser Eigenschaften als Entwicklungsfelder, also als Bereiche der möglichen und notwendigen Veränderung, methodisch tragfähig, oder ist sie es nicht.
Hier, Reger, kommt die Arbeitspsychologie ins Spiel, die in meiner Gedankenwelt zum Gegenstand wurde, weil meine kleine Bibliothek auch arbeitspsychologische Werke enthält, die ich Ihnen jetzt vorlegen muss, weil sie die methodische Schwäche des Berichts zeigen. Hackman und Oldham haben in ihrem Job Characteristics Model aus dem Jahre 1975 gezeigt, dass Arbeitsleistung und Arbeitsmotivation aus fünf Kern-Dimensionen der Arbeit selbst abgeleitet werden können, also aus Skill Variety, Task Identity, Task Significance, Autonomy und Feedback, und dass die Persönlichkeit des Arbeitenden in diesem Modell nicht die unabhängige, sondern die abhängige Variable ist — weil die Arbeitsbedingungen die Persönlichkeit co-konstituieren, nicht umgekehrt. Karasek und Theorell haben in ihrem Demand-Control-Model aus den achtziger Jahren gezeigt, dass die Stress-Reaktionen am Arbeitsplatz aus dem Verhältnis zwischen psychologischen Anforderungen und Entscheidungs-Spielraum hervorgehen und dass die Persönlichkeits-Eigenschaften der Arbeitenden, also etwa eine ausschweifende Kommunikation oder eine hohe Selbstkritik, in einer Demand-Control-Konstellation mit hohem Spielraum völlig andere Effekte zeigen als in einer Konstellation mit niedrigem Spielraum, weshalb die Klassifikation einer Eigenschaft als Entwicklungsfeld ohne Berücksichtigung der konkreten Arbeitsbedingungen methodisch unzulässig ist. Christina Maslach hat in ihrer Burnout-Forschung gezeigt, dass die hohe Selbstkritik und die hohe persönliche Erwartung an sich selbst nicht primär Persönlichkeits-Defizite sind, sondern Risikofaktoren, die in bestimmten Arbeitskonstellationen zu Burnout führen, in anderen aber zu überdurchschnittlich hoher Leistung, und dass die Klassifikation dieser Eigenschaften als Entwicklungsfelder ohne Berücksichtigung der Konstellation methodisch nicht haltbar ist.
Das, Reger, ist nicht nur eine akademische Pointe. Das ist die methodische Substanz, die der Assessmentbericht in seiner Operation systematisch ausblendet. Der Bericht, das ist meine Bilanz, klassifiziert Eigenschaften als Entwicklungsfelder, ohne die Arbeitskonstellation zu berücksichtigen, in der diese Eigenschaften sich entfalten würden. Er sagt, ich verstecke mich hinter dem Laptop, ohne zu fragen, ob die Geschäftsführer-Konstellation einer Wohnbaugenossenschaft mit hundert Mitarbeitenden und Shared Desks, einem partizipativen Vorstand, einer demokratischen Genossenschafter-Struktur, einer Stakeholder-Komplexität, die Stadt Zürich, Kanton, Bund, Gewerkschaften, Mieter, Bauwirtschaft, ESG-Rating, Sustainability-Bond integriert, eine Konstellation ist, in der ein Geschäftsführer, der sich gelegentlich hinter dem Laptop versteckt, weil er die Komplexität durch fokussierte Konzentration bewältigen versucht, eine ineffiziente Persönlichkeits-Konfiguration repräsentiert oder ob es nicht vielmehr eine angemessene Konfiguration ist, die nur in der Rollenspiel-Simulation der Beratungs-Apparatur als ineffizient erscheint, weil die Rollenspiel-Simulation eine Beziehungs-Intensität erwartet, die in der realen Geschäftsführer-Praxis weder leistbar noch sinnvoll ist.
Er sagt, Reger, ich schweife aus, ohne zu fragen, ob die Geschäftsführer-Konstellation einer Wohnbaugenossenschaft mit Strategie-Komplexität, Wechselbeziehungen zwischen Strategieschwerpunkten, Spannungsverhältnissen zwischen Günstige Wohnungen und Ökologisch Handeln und einer Vielzahl von externen Stakeholdern, die alle ihre eigenen Sprach-Register beherrschen, eine Konstellation ist, in der ein Geschäftsführer, der ausschweift, weil er die Komplexität integrieren muss, eine adäquate Verbal-Konfiguration repräsentiert oder ob es nicht vielmehr ein Anpassungs-Erfordernis ist, das in der Pareto-80-20-Logik zwar effizient erscheint, aber der Substanz der strategischen Aufgabe nicht gerecht wird. Wenn ich, Reger, die Pareto-80-20-Regel auf die Strategie-Weiterentwicklung einer Wohnbaugenossenschaft anwende, dann fallen achtzig Prozent der Komplexität weg, und ich behandle nur jene zwanzig Prozent, die die größten Effekte haben. Aber die Strategie-Weiterentwicklung einer Wohnbaugenossenschaft, das ist meine Sicht, lebt nicht von den großen Effekten allein, sondern von der Sorgfalt der Detail-Arbeit, von der Berücksichtigung der vielen kleinen Stakeholder-Anliegen, von der Integration der peripheren Themen, in einer Konstellation, in der die Pareto-80-20-Regel die Substanz nicht erfasst, sondern verfehlt.
Der Bericht sagt, ich stelle hohe persönliche Erwartungen an mich und mein Umfeld, sei zu selbstkritisch, scheine dadurch unsicher und nach Orientierung suchend. Das, Reger, ist die schmerzhafteste der Aussagen, weil sie zutrifft und weil sie zugleich, in der Maslach-Logik, ein Risikofaktor ist, der in der Konstellation einer Geschäftsführer-Position mit hohem Verantwortungs-Druck, mit ständigen Stakeholder-Anforderungen, mit Wandel-Dynamiken, mit Unwägbarkeiten zur Burnout-Konstellation werden kann. Das ist nicht ein Persönlichkeits-Defizit, das durch Coaching oder Rhetorikseminar oder Insights Discovery-Arbeit beseitigt werden kann. Das ist eine Persönlichkeits-Konfiguration, die in bestimmten Konstellationen außerordentlich produktiv ist, und in anderen außerordentlich gefährlich. Und die Frage, die der Bericht stellen müsste, wenn er methodisch tragfähig wäre, ist nicht, wie man die Selbstkritik reduziert, sondern wie man die Konstellation gestaltet, in der die Selbstkritik produktiv bleibt. Diese Frage, Reger, hat der Bericht nicht gestellt, weil die Beratungsindustrie nicht die Konstellation gestalten will, sondern die Persönlichkeit verändern will, was eine andere Operation ist, mit einer anderen wirtschaftlichen Logik dahinter, weil die Konstellations-Gestaltung den Auftraggeber, also die Wohnbaugenossenschaft, in die Pflicht nimmt, während die Persönlichkeits-Veränderung den Kandidaten, also mich, in die Pflicht nimmt, was, Reger, in der Beratungsindustrie der ökonomisch interessantere Adressat ist, weil der Kandidat das Coaching, das Seminar, das Rhetorikseminar selbst bezahlt oder bezahlen lässt.
Die Postkorbübung, Reger, mit der mir der Bericht einen Prozentrang von 56 attestiert, also einen leicht über dem Durchschnitt liegenden Wert, ist im Ergebnis dieser Auseinandersetzung das prägnanteste Beispiel für die methodische Schwäche der Beratungsindustrie. Stark ausgeprägt seien meine Problemlösungsfähigkeit, mein Termin- und Ressourcenmanagement, die Recherche, die Maßnahmen zur Qualitätssicherung. Schwach ausgeprägt sei die Prioritätensetzung, was, so der Bericht, möglicherweise daran liege, dass ich mich mit dem Zeitdruck der Aufgabe nicht wohlgefühlt habe, weil sie nicht meinem umsichtigen Arbeitsstil entspreche, weshalb ich im Alltag genau darauf achten solle, wie gut ich nach dem Pareto-Prinzip mit der achtzig-zwanzig-Regel arbeiten könne. Das ist, Reger, die Postkorbübungs-Logik in voller bernhardscher Schärfe. Eine simulierte E-Mail-Inbox unter Zeitdruck, in der ich Prioritäten setzen muss, in einer Konstellation, die der realen Geschäftsführer-Praxis nicht entspricht, weil die reale Geschäftsführer-Praxis nicht aus einer simulierten Inbox besteht, sondern aus einer Komplexität, in der die Prioritäten nicht aus der Inbox abgeleitet werden, sondern aus der Strategie, aus den Stakeholder-Anliegen, aus den Krisen, aus den langfristigen Vorhaben. Die Pareto-80-20-Regel, das müssen Sie wissen, Reger, ist eine Heuristik, die Vilfredo Pareto im Jahre 1896 für die Einkommens-Verteilung in Italien aufgestellt hat und die später von Joseph Juran in den fünfziger Jahren auf die Qualitäts-Sicherung übertragen wurde, in einer Operation, Reger, in der eine empirische Beobachtung über die Verteilung von Einkommen in eine universale Management-Heuristik umgegossen wurde, die heute in den wirtschaftswissenschaftlichen Universitäten und in der Beratungsindustrie als methodisches Allheilmittel fungiert, ohne dass je geprüft worden ist, ob die Heuristik in der Strategie-Weiterentwicklung einer Wohnbaugenossenschaft methodisch tragfähig ist oder ob sie nicht vielmehr, Reger, eine Trivialisierung darstellt, die der Komplexität der operativen und strategischen Aufgabe nicht gerecht wird.
Die Pareto-80-20-Anwendung auf eine Postkorbübung mit einer simulierten Inbox, Reger, hat denselben methodischen Status wie die Insights Discovery-Klassifikation in einem zweiundsiebzig-Typen-Rad. Es ist eine Reduktion, die den Anschein der Wissenschaftlichkeit hat, ohne die Substanz der Wissenschaftlichkeit zu erreichen, weil die methodischen Voraussetzungen der Übertragung nicht geprüft sind. Und das, Reger, ist die schwerste Anklage, die ich gegen die Beratungsindustrie erheben muss. Sie operiert mit Methoden, die in ihrer Übertragung methodisch nicht tragfähig sind, und produziert Diagnosen, die in ihrer Substanz nicht haltbar sind, und beruft sich dabei auf eine wissenschaftliche Tradition, die sie trivialisiert.
Aber, Reger, und damit komme ich zur Drehung dieser ganzen Auseinandersetzung, die ich Ihnen vorlegen muss, der Bericht hat trotzdem recht. Trotz der methodischen Schwäche der Insights Discovery-Apparatur, trotz der methodischen Schwäche der Postkorbübung, trotz der methodischen Schwäche der Rollenspiel-Simulationen, trotz der methodischen Schwäche der Pareto-80-20-Anwendung hat der Bericht in seinen Aussagen über meine Person Dinge benannt, die zutreffen. Ich verstecke mich, Ruhe suchend, hinter dem Laptop oder einem Raum, weil ich kein eigenes Büro am Arbeitsort habe. Ich schweife nicht immer, aber manchmal aus. Ich nehme Kritik persönlich. Ich bin selbstkritisch. Ich erscheine bei einigen Themen unsicher. Das ist nicht die Schuld der Methodik, das ist die Substanz meiner Person, die durch die Methodik durchscheint, weil eine mehrstündige Beobachtung einer 41-jährigen Person, auch mit schwachen Methoden, eine empirische Substanz erfasst, die nicht erfunden ist.
Und damit, Reger, sind wir wieder bei der Diagnosefalle. Wenn die Diagnose der Assessorin methodisch unzureichend ist, aber in der Substanz zutrifft, dann ist die Diagnose nicht durch methodische Kritik widerlegbar. Sie ist nur durch eine Auseinandersetzung mit der Person widerlegbar, die diagnostiziert wurde, also mit mir, und das, Reger, ist die schwerste Auseinandersetzung, weil sie nicht in der Beratungsindustrie geführt werden kann, sondern nur in der Wiederinstandsetzungs-Phase, in der die Persönlichkeits-Konfiguration auf die Probe gestellt wurde, und in der ich, weil die Assessorin zu wenig anwesend war, die Psychologen und Psychiater selbst entlarven musste.
Sie wissen, Reger, dass die Wiederinstandsetzung des Schiffes in der bekannten Flottenwerft stattgefunden hat, vom zwölften März bis zum 29. November 2025, also acht Monate, in denen nicht nur an meinem Körper gearbeitet wurde, sondern auch Akteure die Hauptcomputer-Neukonfiguration und die Datenbank-Wiederherstellung unterstützen wollten, und Sie wissen ebenfalls, dass die Crew-Konfiguration in dieser Phase aus Hauptcomputer-Spezialisten, in der medizinischen Sprache Psychiater, und Hobby-Ingenieuren, in der medizinischen Sprache Psychologen, bestand.
Was ich Ihnen aber jetzt zumuten muss, Reger, was ich Ihnen aus Gründen der eigenen Selbstachtung, die in meinem Fall mit der Selbstverachtung identisch ist, lange vorenthalten habe und Ihnen erst jetzt, in diesem Fragment, vorlegen kann, ist Folgendes. Die Wiederinstandsetzung hat nicht primär an der Persönlichkeits-Konfiguration meiner Person gearbeitet, also an der Beseitigung der Entwicklungsfelder, die die Assessorin im Oktober 2021 benannt hatte, sondern an der Wiederherstellung der körperlichen Funktions-Fähigkeit des Schiffes, an der Prothesen-Anpassung, an der Mobilitäts-Schulung, an der Schmerz-Bewältigung. Aber, Reger, und das ist die literarisch außerordentlich präzise und außerordentlich bittere Wendung, die ich Ihnen vorlegen muss, in dieser körperlichen Wiederinstandsetzung war eine zweite, nicht angekündigte, nicht vertraglich vereinbarte, nicht von mir autorisierte Operation eingebaut, nämlich die Persönlichkeits-Wiederinstandsetzung durch die Hobby-Ingenieure und die Hauptcomputer-Spezialisten, die mir zugeteilt wurden, in einer Form, in der die Persönlichkeits-Konfiguration meiner Person zum Gegenstand der psychologisch-psychiatrischen Crew-Bearbeitung wurde, ohne dass diese Bearbeitung als solche benannt war.
Die Hobby-Ingenieure, Reger, also die Psychologinnen, die mir in der Reha-Klinik zugeteilt wurden, haben mit jenem methodischen Halb-Wissen operiert, das die Schweizer Reha-Psychologie in den Jahren der Verstaatlichung der psychotherapeutischen Profession akkumuliert hat. Sie hatten Lehrbücher gelesen, sie hatten Supervisionen besucht, sie hatten ihre staatlich anerkannten Diplome, aber, Reger, was sie nicht hatten, war die Substanz der psychotherapeutischen Tradition, die in den Werken von Sigmund Freud, Carl Gustav Jung, Alfred Adler, Donald Winnicott, Wilfred Bion, Heinz Kohut, Otto Kernberg, in den Werken der Existenz-Analyse von Viktor Frankl und Alfried Längle, in den Werken der humanistischen Tradition von Carl Rogers, in den Werken der gestalt-therapeutischen Tradition von Fritz Perls dokumentiert ist. Und Reger, Sartre kennen sie nicht. Sie operierten, Reger, mit Verhaltens-Therapie-Manualen, mit kognitiv-behavioralen Standard-Interventionen, mit lösungsorientierten Gespräch-Frameworks, mit den Tools also, die in der Schweizer Reha-Industrie das psychotherapeutische Standard-Angebot sind, ohne die tiefenpsychologische Tragweite erfasst zu haben, die diese Tools, wenn überhaupt, nützlich, geschweige denn tragfähig machen würden.
Die Hauptcomputer-Spezialisten, Reger, also die Psychiater, hatten andere Probleme. Sie waren biologisch ausgerichtet, sie operierten mit Diagnose-Manualen wie dem ICD-10 und dem DSM-5, veranlassten Blutsubstanz-Messungen, sie verschrieben Medikamente, sie führten kurze Gespräche, in denen sie die Symptomatik abfragten, sie schrieben Berichte. Aber, Reger, was sie nicht taten, war die Substanz in einer psychiatrischen Tradition zu erfassen, die in den Werken von Karl Jaspers, Eugen Bleuler, Ernst Kretschmer, Kurt Schneider, Hubertus Tellenbach, Manfred Bleuler, Klaus Conrad, Wolfgang Blankenburg und wie sie alle heißen, dokumentiert ist, in einer Tradition, Reger, in der die Psychiatrie nicht primär eine Diagnose-Maschinerie war, sondern eine phänomenologisch-anthropologische Verstehens-Praxis, die das Erleben des Patienten ernst nimmt und nicht in Symptom-Cluster und Medikamenten-Schemata zerlegt.
Was ich, Reger, in der, wie ich sie schon fast liebevoll nenne, Wiederinstandsetzungs-Phase erlebt habe, war eine Crew-Konfiguration, die mit Halb-Wissen operierte und mit Halb-Wissen Diagnosen stellte. Sie haben mir gesagt, ich solle meine Selbstkritik reduzieren. Sie haben mir gesagt, ich solle meine Erwartungen an mich selbst senken. Sie haben mir gesagt, ich solle Geduld üben. Sie haben mir gesagt, ich solle akzeptieren, was geschehen sei. Sie haben mir gesagt, ich solle in den Augenblick zurückkehren, in einer Mindfulness-Sprache, die in der Schweizer Reha-Industrie zum methodischen Allgemein-Gut geworden ist, ohne dass die buddhistisch-philosophische Tradition, aus der diese Sprache stammt, in ihrer Tiefe bekannt wäre. Sie haben mir gesagt, ich solle dankbar sein, weil ich überlebt habe. Sie haben mir gesagt, ich solle mich nicht zu sehr mit dem beschäftigen, was verloren ist, sondern mit dem, was geblieben ist, und wieder sein wird. Sie haben mir gesagt, ich solle eine Tagesstruktur etablieren. Sie haben mir gesagt, ich solle Ziele formulieren. Sie haben mir gesagt, ich solle in kleinen Schritten denken.
Es war, Reger, ich gebe es zu, ein Sturm aus methodischen Halb-Wahrheiten, mit denen die Crew-Konfiguration meine Persönlichkeits-Wiederinstandsetzung steuern wollte, in einer Form, in der ich zunächst, in den ersten Wochen, mitspielte, weil die Schmerzen der Prothesen-Anpassung und die Erschöpfung der körperlichen Wiederherstellung mich zu schwach machten, gegen die methodische Schwäche der Crew zu opponieren. Erst in den späteren Monaten, Reger, in den Wochen, in denen die körperliche Resilienz sich stabilisierte und die kognitive Leistung wiederkehrte, habe ich angefangen, die Crew zu beobachten, und in dieser Beobachtung habe ich die Methoden zu prüfen, die Vorgehensweisen zu analysieren, die Beurteilungen zu hinterfragen begonnen, in einer Form, in der ich, der Patient, der Kandidat, langsam aber immer sicherer werdend vom Beobachteten zum Beobachter der Beobachter wurde, vom Diagnostizierten zum Analytiker der Diagnostiker, vom Bearbeiteten zum Prüfer der Bearbeiter.
Das ist die Entwicklung, Reger, die ich die Selbst-Entlarvung der Psychologen und Psychiater nenne, und ich tue das nicht in einer Pose der Überlegenheit, sondern in der bitteren Notwendigkeit der Persönlichkeits-Verteidigung, weil die psychologisch-psychiatrische Crew mit ihrem methodisch unzulänglichen Persönlichkeits-Veränderungs-Eingriffsversuch eine Diagnosefalle aufspannen wollte, die strukturell der Diagnosefalle der Assessorin entsprach, in der jede Reaktion die Diagnose bestätigt, und in der ich mich nur durch die Selbst-Entlarvung der Crew aus der Falle befreien konnte.
Sie wissen, Reger, dass Michel Foucault in seinem Werk Wahnsinn und Gesellschaft aus dem Jahre 1961 die Geschichte der psychiatrischen Institution als eine Geschichte der Macht-Konstellationen beschrieben hat, in der die Psychiatrie nicht primär eine Heilungs-Praxis ist, sondern eine Disziplinierungs-Praxis, in der die Gesellschaft die Abweichung definiert und die institutionelle Apparatur die Definition vollzieht. Sie wissen ebenfalls, Reger, dass Erving Goffman in seinem Werk Asyle aus dem Jahre 1973 die psychiatrische Anstalt als totale Institution beschrieben hat, in der die Persönlichkeit des Insassen systematisch demontiert wird, um sie nach den Maßgaben der Anstalt wieder aufzubauen. Sie wissen, Reger, dass Ronald Laing und David Cooper in den sechziger Jahren die Anti-Psychiatrie-Tradition begründet haben, in der die psychiatrische Diagnose nicht als objektive Beobachtung, sondern als familiale und gesellschaftliche Konstruktion analysiert wird. Sie wissen, Reger, dass Thomas Szasz in seinem Werk Der Mythos der Geisteskrankheit aus dem Jahre 1961 die Geisteskrankheit als metaphorische Konstruktion entlarvt hat, die der Medizin den Anschein der Wissenschaftlichkeit verleiht, ohne die ontologische Substanz einer somatischen Krankheit zu haben. Und Sie wissen, Reger, weil ich Ihnen das in einem Fragment ausgeführt habe, dass Ihr Vater, in der literarischen Tradition, in der ich verortet bin, der Psychiatrie eine besondere Verachtung entgegengebracht hat, weil er die Psychiatrie als institutionalisierte Vater-Diagnose verstanden hat, in der die Falle der Vater-Sohn-Diagnose in eine staatlich legitimierte Form überführt ist, mit Diagnose-Manualen, mit Medikamenten-Listen, mit geschlossenen Stationen, mit Zwangs-Einweisungen, in einer Machtstruktur, die der ursprünglichen Vater-Diagnose das letzte Refugium genommen hat, nämlich die Möglichkeit der Tochter-Sohn-Auseinandersetzung mit dem Vater, weil die Auseinandersetzung mit der Psychiatrie nicht eine familiale, sondern eine institutionelle Konfrontation ist, in der die Macht-Verhältnisse zugunsten der Institution verteilt sind. Und Sie können nachvollziehen, dass ich, als ich per Zufall eines Abends in der Reha am Fernseher auf den Film Einer flog über das Kuckucksnest, der gerade begonnen hatte, geschaltet habe, an diesem bis zum Ende hängen blieb, obwohl oder gerade deshalb, weil ich den Film und das Ende kenne, wenngleich ich erst jetzt diese tragische Geschichte in ihrer Tragweite richtig einzuordnen vermag.
In diese Tradition, Reger, gehörte meine Selbst-Entlarvungs-Operation der Reha-Crew. Ich habe nicht eine generelle Verwerfung der Psychotherapie betrieben, weil die Psychotherapie in ihrer großen Tradition, von Freud bis Frankl, von Jung bis Kohut, eine außerordentlich reiche und in ihrer Substanz tragfähige Praxis ist. Ich habe die spezifische Operation der Schweizer Reha-Psychologie und der Schweizer Reha-Psychiatrie geprüft, in der diese Tradition durch methodische Standardisierung, durch Diagnose-Manualisierung, durch Mindfulness-Trivialisierung, durch lösungsorientierte Gespräch-Frameworks zu einem Vorgehen reduziert ist, die der Tiefe der Tradition nicht gerecht wird, sondern sie verwertet, in einer Umsetzung, Reger, die in der Beratungsindustrie der Persönlichkeitsdiagnostik entspricht und die in der Reha-Industrie der Persönlichkeits-Veränderung parallel verläuft.
Die Selbst-Entlarvung, Reger, hat folgende Form gehabt. Wenn die Hobby-Ingenieurin sagte, ich solle meine Selbstkritik reduzieren, fragte ich, mit welcher methodischen Begründung sie das sage, und ob sie die Maslach-Forschung kenne, in der die Selbstkritik nicht als Defizit, sondern als Risikofaktor in einer Konstellations-Dynamik klassifiziert wird, deren Veränderung primär an der Konstellation und nicht an der Persönlichkeit ansetzt. Staunen und verächtliche Blicke waren die Folge. Wenn der Hauptcomputer-Spezialist eine medikamentöse Anpassung vorschlug, fragte ich, mit welcher Diagnose er das tue, und ob er die phänomenologisch-anthropologische Tradition der Psychiatrie kenne, in der die medikamentöse Behandlung nicht aus der Symptomatik allein abgeleitet wird, sondern aus dem Verständnis des Erlebens des Patienten in seiner Lebens-Konstellation. Noch verächtlichere Blicke waren die Folge. Wenn die Hobby-Ingenieurin eine Mindfulness-Übung vorschlug, fragte ich, in welcher Tradition sie operiere, ob sie die buddhistisch-philosophische Substanz der Achtsamkeits-Praxis kenne, von der die Mindfulness-Trivialisierung eine entkernte Form ist.
Die Crew, Reger, hat darauf auch, zumindest manchmal, ich gebe es zu, mit professionellem Wohlwollen und mit institutioneller Geduld reagiert, weil die Crew ihre Position zu schätzen wusste und keine Konfrontation suchte. Aber, Reger, das ist der Punkt, in dieser professionellen Wohlwollens-Reaktion habe ich gemerkt, dass die methodischen Fragen, die ich stellte, nicht beantwortet wurden, weil die methodische Substanz, die in der Beantwortung erforderlich gewesen wäre, den Akteuren nicht zur Verfügung stand. Sie haben gelächelt, sie haben mir gesagt, ich solle nicht so kopflastig sein, sie haben mir gesagt, ich solle den Augenblick genießen, sie haben mir gesagt, ich solle nicht alles intellektualisieren. In dieser Reaktion, Reger, habe ich sie eben gerade entlarvt, weil die Reaktion das methodische Halb-Wissen als Halb-Wissen ausgewiesen hat. Jemand, der methodisch kompetent ist, antwortet auf methodische Fragen. Jemand, der methodische Schwächen hat, deutet die Frage als kognitive Abwehr-Reaktion und versucht, die Frage durch Mindfulness-Empfehlungen aufzulösen. Genau so, Reger, hat es sich zugetragen.
Hier, Reger, kommt die literarische Reflexion, die ich Ihnen in diesem Fragment vorlegen muss. Die Selbst-Entlarvung der Reha war eine notwendige Operation der Persönlichkeits-Verteidigung, weil die Akteure mit ihrem oftmals methodischen Laienwissen eine Persönlichkeits-Veränderungs-Operation an mir durchführen wollten, die strukturell der Diagnose-Operation der Assessorin entsprach. Aber, Reger, die Entlarvung war keine Heilung. Sie hat mich aus der Diagnosefalle befreit, aber sie hat mich nicht aus anderen Diagnosefallen befreit.
Eine Episode, Reger, die ich Ihnen vorlegen muss, weil sie die professionelle Kompetenz der Assessorin in einer konkreten biografischen Substanz ausstellt, ist diese. In einem der Mitarbeitenden-Selektions-Verfahren, die ich bei ihr in Auftrag gegeben habe, ja, Sie hören richtig, hat die Assessorin einen Kandidaten abgelehnt, mit professionellem Wohlwollen, mit methodischer Begründung, mit jener differenzierten Beurteilungs-Substanz, die in ihren Berichten konstitutiv ist. Ich, Reger, habe nicht auf sie gehört. Ich habe den Kandidaten trotzdem angestellt, in der Überzeugung, dass meine eigene Personal-Intuition die externe Diagnose übersteigt, in jener Geschäftsführer-Selbstgewissheit, die in der mitte-vierziger biografischen Substanz mir gelegentlich zur Verfügung steht und die in dieser konkreten Konstellation, das gestehe ich gern, methodisch nicht tragfähig oder nicht mal ansatzweise tragfähig war. Der Kandidat, Reger, hat sich in der Anstellung als die Person erwiesen, die die Assessorin in ihrer Beurteilung antizipiert hatte, mit den Eigenschaften, mit den Konfigurations-Merkmalen, mit den Risiken, die in ihrem Bericht benannt waren. Ich, Reger, habe ihn nach einigen Monaten wieder entlassen müssen, in einer Aktion, die der Wohnbaugenossenschaft Mühe bereitet hat, dem Mitarbeitenden Schmerzen bereitet hat und mir, dem Geschäftsführer, eine Lektion erteilt hat, die ich bitter lernen musste.
Vor Jahresende, Reger, habe ich die Assessorin angerufen. Nicht aus institutioneller Pflicht, weil keine institutionelle Pflicht zur nachträglichen Anerkennung einer abgelehnten Diagnose existiert, sondern aus jener professionellen Höflichkeit und Wertschätzung, die in der Geschäftsführer-Praxis selten ist, und die in der Substanz der distanzierten Freundschaft mir geboten erschien. Ich habe ihr gesagt, dass ich nicht auf sie gehört habe, dass ich den Kandidaten gegen ihre Empfehlung angestellt habe, dass ich ihn in der Folge habe entlassen müssen, dass ihre Diagnose in der biografischen Substanz sich bewahrheitet hat. Sie hat das, Reger, geschätzt. Sie hat es mir nicht in einer expliziten Formulierung gesagt, weil die distanzierte Freundschaft die expliziten Formulierungen nicht braucht, sondern in der Tonart der telefonischen Konversation, in der die Anerkennung der nachträglichen Anerkennung in der Form der professionellen Konversation transportiert wurde, mit jener Knappheit, mit jener Unaufdringlichkeit, mit jener distanzierten Wertschätzung, die in der Beratungsindustrie selten ist, und die in der Substanz der distanzierten Freundschaft die einzige tragfähige Form bleibt.
Aber, Reger, ich muss Ihnen, bevor ich dieses Fragment beschließe, eine Beobachtung zumuten, die mir auf dem Holodeck erst spät zugewachsen ist, und die mich seither nicht mehr losgelassen hat. Es gibt nämlich, Reger, eine zweite Person, einen Mann, der in einem strukturell ähnlichen Setting an mir gewirkt hat, in der professionellen Funktion eines Beurteilenden, eines Diagnostizierenden, der mir mit derselben differenzierten Substanz und derselben distanzierten Wertschätzung begegnet ist, die ich der Assessorin attestiere, und der, das ist die Spiegelung der Spiegelung, ebenfalls zu einem distanzierten Freund geworden ist, der mich, Reger, ebenfalls in der Reha besucht hat. Zwei Personen, Reger, in zwei strukturell ähnlichen Settings, mit derselben Bewegung in die distanzierte Freundschaft, mit demselben Reha-Besuch. Und ich frage mich, Reger, ob das Zufall ist oder Methode. Ob die Wiederholung der Konstellation eine zufällige biografische Doppelung ist, oder ob in der Diagnose-Operation selbst eine Struktur angelegt ist, die in der distanzierten Freundschaft ihre einzige tragfähige Fortsetzung findet, weil die präzise Diagnose, Reger, eine Beziehung zwischen Diagnostiker und Diagnostiziertem schafft, die in keiner anderen Form fortgesetzt werden kann als in der distanzierten Freundschaft, die alles offen lässt und nichts erzwingt. Ich kann es, Reger, nicht entscheiden. Aber ich beobachte die Wiederholung, und die Wiederholung ist, wenn man sie ernst nimmt, der Hinweis auf eine Struktur, die ich noch nicht durchschaut habe.
Sie hat mich in der Reha besucht, wofür ich dankbar bin. Ich freue mich, Reger, wenn die inzwischen zur distanzierten Freundin gewordene Assessorin sich meldet, weil mir mit ihr zu sprechen intellektuelles Vergnügen bereitet. Das ist, am Ende dieses Fragments, die heitere Substanz, die mir bleibt, in der bitterbösen Auseinandersetzung mit der Beratungsindustrie und in der schmerzhaften Anerkennung der Persönlichkeits-Konfiguration und in der dankbaren Würdigung der professionellen Kompetenz der Assessorin. Die Heiterkeit, Reger, kommt aus der intellektuellen Konversation, die in der distanzierten Freundschaft ihre Form hat und die in der Möglichkeit der Wiederaufnahme offenbleibt. Sie ist nicht groß, diese Heiterkeit, sie ist eine kleine Freude, aber sie ist genug, weil das Genug unter den Bedingungen des viergliedrig amputierten Lebens, in der Konstellation der Kündigung und der Wiederinstandsetzung und der biografischen Folge, die einzige kleine Freude ist, die ich Ihnen, Reger, in diesem Fragment vorlegen kann.